Als Kuratorin und Praxisbegleiterin habe ich immer wieder mit temporärer Street Art und Outdoor-Projekten zu tun. Oft sind die Werke nur kurzlebig geplant, manchmal droht aber ihr Verlust schon in den ersten Tagen durch Wettereinflüsse oder Vandalismus. Deshalb habe ich ein leichtes Konservierungspaket entwickelt, das mobil, praktisch und auf minimale, reversible Eingriffe ausgelegt ist. Es hilft, das Werk zu dokumentieren, kurzfristig zu stabilisieren und die Sichtbarkeit zu erhöhen, ohne eine invasive Restaurierung anzustoßen.

Warum ein leichtes Konservierungspaket?

Ich glaube an die Integrität temporärer Kunst: Ihre Vergänglichkeit ist oft Teil des Konzeptes. Gleichzeitig möchte ich, dass Künstlerinnen und Künstler sowie Communities die Möglichkeit haben, Werke zu schützen oder sichtbar zu halten — etwa während einer Festivalwoche oder bis eine Ausstellung aufgebaut ist. Das Paket ist kein Ersatz für professionelle Restaurierung, sondern ein pragmatisches Set für Erste Hilfe vor Ort: Dokumentation, Schutz gegen Regen/UV, einfache Konsolidierung bei abblätternder Farbe und sichere Transportlösung.

Grundprinzipien, nach denen ich arbeite

  • Reversibilität: Alles, was ich anwende, sollte möglichst rückgängig gemacht werden können.
  • Minimalität: Nur das Nötigste tun — möglichst keinen ästhetischen Eingriff, nur Schutz und Stabilisierung.
  • Dokumentation: Vorher/nachher-Fotos, Material- und Standortangaben sind Pflicht.
  • Einverständnis: Ich frage die Künstler*innen oder die Verantwortlichen, bevor ich eingreife. Bei illegalen Arbeiten unterlasse ich aktive Behandlung und dokumentiere nur.
  • Was in meinem mobilen Kit nicht fehlen darf

    Ich packe das Ganze in einen kleinen, wetterfesten Rucksack – so bin ich zu Fuß oder mit dem Fahrrad mobil. Hier die Grundausstattung:

    • Nitrilhandschuhe (ein Paar pro Einsatz)
    • Stabile, weiche Pinsel (Größe 2–8, Kolinsky- oder synthetisch)
    • Weiche Mikrofasertücher und Baumwolltücher
    • Mehrere kleine Sprühflaschen (50–100 ml) für destilliertes Wasser und Ethanol 70 %
    • Feine Papiertape/Art-Tape (z. B. 3M Scotch Removable)
    • Microspatel und Pinzette
    • Konservierungszusätze in kleinen Tuben: Paraloid B-72 (in Ethanol gelöst) oder Klucel G (Hydroxypropylcellulose) für lose Partikel
    • Lösungsmitteltests (geringe Mengen Ethanol, Aceton für Materialtests; nur nach Test verwenden)
    • Sofort-Schutz: Clear Acrylic Spray (wasserbasiert) — z. B. Golden Polymer Varnish oder spezielle Sprühvarianten von Montana/MTN mit UV-Schutz (Testen vorher!)
    • Kleine Wetterschutzfolie oder Tyvek-Folie und Zurrgummis
    • Kamera oder Smartphone mit gutem Blitz, Messband, GPS-Notizen
    • Ein Notizbuch mit Materialliste, Datum, Bedingungen und Genehmigungen

    Kurzanleitung: So arbeite ich vor Ort

    Wenn ich ankomme, gehe ich in festen Schritten vor:

    • Sichtprüfung: Zustand fotografisch festhalten (Gesamtaufnahme, Detailaufnahmen). Notizen machen: Feuchtigkeit, Risse, abblätternde Bereiche, vorherige Überarbeitungen.
    • Einverständnis klären: Künstler*innen oder Eigentümer fragen. Ohne Erlaubnis keine Eingriffe außer rein dokumentarischen Maßnahmen.
    • Reinigen nur wenn nötig: Lose Schmutzpartikel mit weichem Pinsel oder Mikrofasertuch entfernen. Keine starken Reinigungsmittel verwenden — zuerst an einer unauffälligen Stelle testen.
    • Konsolidieren bei Abblätterungen: Kleine Bereiche, die sich lösen, fixiere ich mit einer schwachen Paraloid-B-72-Lösung (ca. 5–10 % in Ethanol) oder mit Klucel G (3–5 % in Isopropanol/Wasser, je nach Material). Ich trage die Lösung punktuell mit einem feinen Pinsel auf und vermeide Überläufe.
    • Kurzfristiger Oberflächenschutz: Bei Bedarf sprühe ich dünn eine wasserbasierte, matte Schutzschicht (z. B. Golden Polymer Varnish) aus ca. 30–40 cm Abstand. Wichtig: Nur sehr dünn und vorher an einem unauffälligen Fleck testen — einige Sprays verändern Farbton und Glanz.
    • Sichtbarkeit erhöhen: Wenn das Werk vor Regen geschützt werden muss, befestige ich vorsichtig eine Tyvek- oder transparente Abdeckfolie, so dass die Luft zirkulieren kann und kein Kondenswasser entsteht.
    • Dokumentation abschließen: Nach Eingriff Fotos, eingesetzte Materialien und Arbeitszeit protokollieren.

    Tipps zum Materialeinsatz und Produktauswahl

    Ich nenne hier bewusst Produkte, die ich selbst getestet habe oder die in der konservatorischen Praxis verbreitet sind. Entscheidungen hängen immer vom Untergrund und von der Pigmentstabilität ab.

    • Paraloid B-72 (in Ethanol gelöst): Ein Standard-Konsolidans, gut reversibel und stabil. In niedrigen Konzentrationen für Lockermaterial verwenden.
    • Klucel G (Hydroxypropylcellulose): Besonders geeignet für lösliche Farbschichten und temperierbare Fixierungen.
    • Wasserbasierte Acryl-Varnish: Für kurzfristigen Schutz; wähle matte Varianten, um Glanzverschiebungen zu vermeiden.
    • Sprühprodukte: Marken wie Montana/MTN bieten klare Sprays mit UV-Schutz an, aber sie können den Farbton verändern — immer testen.

    Einfaches Inventar als Tabelle

    GegenstandZweckUngef. Preis
    NitrilhandschuheHygiene, Materialschutz5–10 € / Packung
    Paraloid B-72 (kleine Menge)Konsolidierung loser Partikel10–20 € (klein)
    Klucel GAlternative Konsolidierung10–15 €
    Golden Polymer Varnish / MTN ClearKurzfristiger UV-/Wetterschutz15–30 €
    Mikrofasertücher & PinselReinigung, Applikation10–20 €
    Tyvek-Folie, ZurrgummisProvisorischer Wetterschutz5–10 €

    Rechtliches und ethische Überlegungen

    Ich betone es noch einmal: Street Art ist oft politisch oder nicht genehmigt. Meine Praxis ist vorsichtig — ich dokumentiere ohne Erlaubnis, interveniere nur nach Einverständnis. Bei Arbeiten, die Teil einer geförderten Aktion oder eines Festivals sind, arbeite ich mit Veranstalter*innen und Künstler*innen zusammen. Bei historischen Fassaden frage ich zusätzlich Fachpersonen oder Denkmalschutz.

    Wenn du möchtest, kann ich für Kunstverein Badvilbel (https://www.kunstverein-badvilbel.de) gerne ein kleines Workshop-Format anbieten, in dem wir gemeinsam ein solches Kit zusammenstellen und den richtigen Umgang an einem Pilotprojekt üben. Solche praktischen Lehreinheiten helfen, Sensibilität für Vergänglichkeit und Fürsorge zu schärfen — ohne die künstlerische Aussage zu zerstören.

    Bei Fragen zu konkreten Produkten, Mischungsverhältnissen oder zur Vorbereitung eines konkreten Einsatzes antworte ich gerne — schreib mir die Projektbeschreibung, Fotos und Standortdaten, dann schauen wir gemeinsam, welche schonende Maßnahme sinnvoll ist.