Als Kuratorin und Initiatorin von Projekten, die Kunst und Alltag miteinander verbinden, habe ich oft erlebt, wie schwer es berufstätigen Eltern fällt, an Residencyprogrammen teilzunehmen. Die üblichen Modelle verlangen Verfügbarkeit über mehrere Wochen oder Monate und sind selten kompatibel mit Kinderbetreuung, Arbeit oder begrenzten finanziellen Mitteln. In Bad Vilbel möchte ich deshalb ein niedrigschwelliges Residencyprogramm schaffen, das speziell auf berufstätige Eltern zugeschnitten ist. In diesem Beitrag teile ich meine Erfahrungen, konkreten Schritte und praktische Tipps zur Umsetzung — von der Raumplanung bis zur Kommunikation mit potenziellen Teilnehmerinnen und Teilnehmern.

Warum ein niedrigschwelliges Residencyprogramm?

Ich glaube, kreative Arbeit braucht Vielfalt und Zugänglichkeit. Eltern, die berufstätig sind, bringen besondere Perspektiven, Erfahrungen und Zeitstrukturen mit — genau diese Stimmen fehlen oft in der zeitgenössischen Praxis. Ein niedrigschwelliges Residencyprogramm reduziert Hürden: kürzere Aufenthalte, flexible Zeiten, Betreuung vor Ort oder ein Budget für Kinderbetreuung. Das Ziel ist nicht nur die künstlerische Produktion, sondern auch die Vernetzung, der Austausch und die Sichtbarkeit von Eltern in der Kunstlandschaft.

Grundprinzipien, die ich festgelegt habe

  • Flexibilität: Aufenthaltsdauer, Arbeitszeiten und Teilnahmebedingungen müssen anpassbar sein.
  • Niedrige Kosten: Stipendien, freie Räumlichkeiten oder günstige Verpflegung.
  • Inklusivität: Barrierefreiheit, mehrsprachige Kommunikation und respektvolle Elternkultur.
  • Praxisnähe: Angebote für Atelierarbeit, Ausstellungsraum, aber auch digitale Teilnahmeoptionen.
  • Netzwerkorientiert: Kooperationen mit Kitas, lokalen Kulturakteuren, Sponsoren und Gesundheitsdiensten.

Konkrete Schritte zur Organisation

So würde ich konkret vorgehen, wenn ich ein solches Programm in Bad Vilbel aufbaue:

  • Bedarfsanalyse: Befragungen in lokalen Künstlernetzwerken, Eltern-Communities, Schulen und Kulturinstitutionen. Dabei frage ich nach bevorzugten Zeitfenstern (Wochenenden, Abende, Ferien), gewünschten Unterstützungsangeboten (Kinderbetreuung, Materialkosten) und Barrieren.
  • Räumlichkeiten sichern: Ich prüfe kommunale Räume, Vereinsräume des Kunstvereins Badvilbel, Gemeinschaftszentren oder leerstehende Ladenlokale. Wichtig sind ein Atelierbereich, ein separater Bereich für Kinderbetreuung und Rückzugsräume.
  • Kooperationen aufbauen: Mit Kindertagesstätten, freien Erzieherinnen, Familienzentren, Bibliotheken und Arbeitgebern. Oft sind Firmen in der Region bereit, in Kulturprogramme zu investieren, gerade wenn sie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf fördern möchten.
  • Finanzierung klären: Mittel über Kulturförderungen (Stadt, Land, EU-Kulturprogramme), Sponsoring, Teilnahmegebühren auf Schiebebasis oder Crowdfunding. Ich plane auch kleine Honorare für teilnehmende Künstlerinnen und Künstler sowie ein Budget für Kinderbetreuung und Material.
  • Programmformat definieren: Varianten, z. B. Kurzresidencies (3–7 Tage), Wochenend-Intensivs, Abend-Workshops über mehrere Wochen oder hybride Modelle mit digitalen Arbeitsphasen.
  • Betreuungsangebot organisieren: Professionelle Kinderbetreuung während definierter Stunden (z. B. 9–15 Uhr), Spielprogramme, altersgerechte Angebote und Notfallpläne.
  • Rechtliche Rahmenbedingungen: Haftpflichtversicherungen, Aufsichtsregelungen für Betreuerinnen, Hygienekonzepte und Datenschutz für digitale Angebote.
  • Outreach und Bewerbung: Zielgerichtete Ansprache über lokale Elterngruppen, Künstlernetzwerke, Social Media (Instagram, Facebook-Gruppen), Newsletter von Kunstverein Badvilbel (https://www.kunstverein-badvilbel.de) und Plakate in Familienzentren.

Typisches Wochenformat — ein Beispiel, das ich empfehlen würde

Montag–Freitag Flex-Atelierzeiten 9–12 Uhr & 14–18 Uhr; Kinderbetreuung 9–15 Uhr; Abend-Online-Treffen 19–20 Uhr
Samstag Offenes Atelier 10–16 Uhr; Familiennachmittag mit offenem Atelier für Kinder
Sonntag Ruhetag oder kollektive Reflexion/Feedback 11–13 Uhr

Dieses Modell erlaubt berufstätigen Eltern, ihre Arbeitszeit an berufliche Verpflichtungen anzupassen — etwa indem sie Vormittags arbeiten und nachmittags am Residencyprogramm teilnehmen oder umgekehrt.

Betreuung und Sicherheit — meine Prioritäten

Betreuung ist das Herzstück eines Eltern-residencyprogramms. Ich setze auf:

  • Qualifizierte Betreuungspersonen mit Erfahrung in offenen Betreuungsformen und kreativen Angeboten.
  • Klare Betreuungszeiten und transparente Preise; Stipendien für Familien mit geringem Einkommen.
  • Altersgerechte Aktivitäten: Mal- und Bastelstationen, Bewegungsangebote, Vorlese- und Ruhebereiche.
  • Flexibilität für Babies und Kleinkinder: Ruhezonen, Wickelmöglichkeiten, Mikrowelle und Kühlschrank vor Ort.

Finanzierung: realistisch und divers

Die Finanzierung sollte keine große Hürde darstellen. Mögliche Bausteine:

  • Stadtförderung und Kulturfonds: Antragstellung mit einem klaren Konzept, inklusive Wirkungsanalyse (z. B. Teilnehmendenzahlen, Zufriedenheit, Sichtbarkeit).
  • Sponsoring durch lokale Unternehmen: Firmen profitieren von Employer-Branding und lokaler Sichtbarkeit.
  • Teilnahmebeiträge auf Schiebebasis: Solidarisches Modell, bei dem höhere Beiträge niedrigere mitfinanzieren.
  • Projektstipendien für einzelne Künstlerinnen und Künstler via regionale Stipendiengeber.
  • In-Kind-Support: Materialspenden von Künstlerbedarfsläden (z. B. boesner), Raumnutzung durch Kooperationspartner.

Auswahlverfahren und Transparenz

Bei der Auswahl ist mir wichtig, transparent und gerecht zu sein. Kriterien, die ich vorschlage:

  • Künstlerische Qualität und Relevanz des Projekts.
  • Begründung, warum die Residency nötig ist (z. B. Materialzeit, Recherche, Vernetzung).
  • Bedarf an Betreuungsunterstützung (um die Zielgruppe wirklich zu erreichen).
  • Vielfalt der Bewerbungen: Geschlecht, Herkunft, Arbeitsweise und Lebenssituationen.

Ich empfehle ein kurzes Bewerbungsformular (CV, Arbeitsprobe, Projektbeschreibung, Betreuungsbedarf) und ein Auswahlgremium, das mindestens zwei Eltern/Elternvertreterinnen einschließt.

Programmangebote neben Atelierzeit

Ein erfolgreiches Residencyprogramm bietet mehr als Arbeitsraum:

  • Peer-Feedback-Sessions und Kuratorinnen-Talks.
  • Mini-Workshops zu Zeitmanagement, Förderanträgen, Kinderintegration in künstlerische Praxis.
  • Netzwerkabende mit lokalen Galerien und Sammlerinnen.
  • Öffentliche Präsentationen: Open Studio am Wochenende, Kinderprogramme zur Einbindung der lokalen Community.

Kommunikation: wie ich die Zielgruppe erreiche

Gezielte, respektvolle Kommunikation ist entscheidend:

  • Sprich die reale Lebenssituation an: nicht nur Künstlerinnen, sondern "Künstlerinnen und Künstler mit familiären Verpflichtungen".
  • Nutzt klare Hinweise zu Betreuungsangeboten, Zugangsbarrieren, Kosten und Flexibilität.
  • Postet Kurzportraits vergangener Teilnehmerinnen mit Zitaten: "Dank des Programms konnte ich..."
  • Kooperiert mit Elternblogs, Facebook-Gruppen, der lokalen Bücherei und dem Rathaus, um Reichweite zu erhöhen.

Herausforderungen und wie ich ihnen begegne

Ein solches Programm bringt Herausforderungen mit sich: Finanzierung, Logistik, Notfallbetreuung und die Gefahr, dass Eltern trotz Angeboten nicht kommen können. Meine Antworten darauf:

  • Vorab-Pilotprojekte: Klein anfangen, Feedback sammeln, iterativ verbessern.
  • Back-up-Lösungen für Betreuungsengpässe (Kontaktliste für Freiberuflerinnen und -kräfte).
  • Flexible Teilnahmeformen: Hybridangebote ermöglichen Teilnahme auch ohne physische Anwesenheit.
  • Evaluationsrunden mit Teilnehmenden zur Anpassung von Zeiten, Angeboten und Kommunikation.

Ein Beispiel aus der Praxis

Bei einem Pilotprojekt, das ich begleitet habe, haben wir ein Wochenende mit fünf berufstätigen Künstlerinnen organisiert. Ergebnis: Zwei von ihnen konnten durch die Kinderbetreuung erstmals in Ruhe an einer größeren Arbeit arbeiten; eine andere konnte wichtige Kontakte zu einer lokalen Galerie knüpfen. Wichtig war, dass wir von Anfang an auf transparente Kostenaufstellung und auf klare Abläufe gesetzt haben — das hat Vertrauen geschaffen.

Wenn Sie Interesse haben, solch ein Programm in Bad Vilbel zu unterstützen, mit uns zu kooperieren oder sich zu bewerben, freue ich mich über Ihre Nachricht über die Kontaktseite von Kunstverein Badvilbel (https://www.kunstverein-badvilbel.de). Gemeinsam können wir ein Angebot entwickeln, das kreative Prozesse fördert und gleichzeitig Familienfreundlichkeit ernst nimmt.