Als Kuratorin und Redakteurin stoße ich immer wieder auf dieselbe Herausforderung: Wie gestalte ich Ausstellungstexte so, dass sowohl Geflüchtete als auch Einheimische ihnen folgen können? Es geht nicht nur um Übersetzung — es geht um Verständlichkeit, kulturelle Sensibilität und einladende Formate. In diesem Beitrag teile ich meine praktischen Erfahrungen, Werkzeuge und konkrete Arbeitsabläufe, die sich in Ausstellungen bewährt haben.
Was bedeutet "mehrsprachig" wirklich?
Mehrsprachig heißt für mich nicht, einfach denselben Text in mehreren Sprachen bereitzustellen. Es heißt, Texte so zu gestalten, dass sie inhaltlich, formal und visuell zugänglich sind. Das betrifft Wortwahl, Satzbau, Textlänge, Kontextinformationen und das Medium. Ein deutscher Fachtext, wortgetreu ins Arabische oder Dari übersetzt, kann immer noch unverständlich bleiben, wenn er kulturelle Bezüge oder Fachbegriffe enthält.
Vorarbeit: Zielgruppen und Kontext analysieren
Bevor ich mit Übersetzungen beginne, frage ich:
Diese Fragen bringen mich oft zu pragmatischen Entscheidungen: Kürzere Texte, mehr visuelle Kontexte oder zusätzliche Audio-Angebote.
Klare Sprache statt Fachchinesisch
Ich schreibe Ausstellungstexte in einfacher, präziser Sprache. Das hilft nicht nur Geflüchteten mit geringen Sprachkenntnissen, sondern auch Besucherinnen und Besuchern, die nicht in Kunsttheorie bewandert sind. Konkrete Tipps:
Formate: Wie Text, Bild und Audio zusammenspielen
Mehrsprachigkeit funktioniert am besten multimodal. In meinen Projekten kombiniere ich:
Wichtig ist, dass alle Formate gleichwertig sind. Wenn nur die deutsche Version prominent an der Wand hängt und die Übersetzungen auf einer Website versteckt sind, sendet das ein falsches Signal.
Layout und Typografie
Die Lesbarkeit hängt stark vom Design ab. Einige Designentscheidungen, die ich standardmäßig treffe:
Für Sprachen wie Arabisch oder Dari achte ich auf die Schriftart: Sie muss gut lesbar und in der Größe angepasst sein. Bei Bedarf arbeite ich mit Grafikern zusammen, die Erfahrung mit nicht-lateinischen Schriften haben.
Übersetzungen: Qualität sichern
Maschinelle Übersetzungen (z. B. DeepL, Google Translate) sind ein praktischer Startpunkt, aber nie die Endlösung. Ich empfehle folgenden Workflow:
Bei knappen Budgets habe ich gute Erfahrungen mit studentischen Übersetzer:innen gemacht, die oft günstiger arbeiten und eine hohe Sensibilität mitbringen.
Co-Creation mit Betroffenen
Am wirksamsten sind Texte, wenn sie in Zusammenarbeit mit Menschen aus den betreffenden Communities entstehen. Praktische Ideen:
Solche Prozesse stärken Vertrauen und geben wertvolle Hinweise auf kulturell relevante Perspektiven, die wir als Kurator:innen sonst leicht übersehen.
Digitale Ergänzungen und Barrierefreiheit
Digitale Angebote sind besonders für Geflüchtete nützlich, weil sie Inhalte in ihrem eigenen Tempo abrufen können. Ich biete daher oft:
Setze auf barrierefreie Standards: strukturierte HTML, ALT-Texte für Bilder und gut abgestimmte Farbkontraste. Tools wie Wave oder der Accessibility-Checker von Google helfen bei der Prüfung.
Kulturelle Sensibilität und Trigger-Warnungen
Manche Arbeiten können traumatische Erinnerungen auslösen. Ich empfehle ausdrücklich klare Hinweise, z. B. eine kleine Legende am Eingang oder auf der Website mit Sprachversionen. Das ist respektvoll und erleichtert die Orientierung für Besucherinnen und Besucher mit Fluchterfahrungen.
Budget und Zeitplanung
Mehrsprachige Angebote erfordern zusätzliche Ressourcen. So plane ich:
Förderprogramme auf kommunaler Ebene, Stiftungen oder Integrationsfonds unterstützen oft mehrsprachige Kulturvermittlung — hier lohnt sich Recherche und Antragstellung.
Praxisbeispiel: "Heimaten" – leicht gemacht
Bei einer Ausstellung zum Thema "Heimaten" habe ich Wandtexte in Deutsch, Arabisch und Englisch gesetzt. Parallel gab es kurze Audio-Interviews mit Künstler:innen in deren Herkunftssprachen. Vor der Eröffnung luden wir eine Gruppe aus der lokalen Geflüchteten-Initiative ein, die Texte testete und kleine Änderungen vorschlug — z. B. alternative Begrifflichkeiten, die in ihrer Sprache näher an der Lebenswelt waren. Das bewirkte, dass sich Besucher:innen aus den Communities deutlich wohler fühlten und häufiger ins Gespräch kamen.
Wenn du möchtest, schicke ich dir gern ein kurzes Template für mehrsprachige Wandtexte oder eine Checkliste für Übersetzungs-Workflows, die du in deinem Projekt verwenden kannst.