Als Kuratorin und Redakteurin stoße ich immer wieder auf dieselbe Herausforderung: Wie gestalte ich Ausstellungstexte so, dass sowohl Geflüchtete als auch Einheimische ihnen folgen können? Es geht nicht nur um Übersetzung — es geht um Verständlichkeit, kulturelle Sensibilität und einladende Formate. In diesem Beitrag teile ich meine praktischen Erfahrungen, Werkzeuge und konkrete Arbeitsabläufe, die sich in Ausstellungen bewährt haben.

Was bedeutet "mehrsprachig" wirklich?

Mehrsprachig heißt für mich nicht, einfach denselben Text in mehreren Sprachen bereitzustellen. Es heißt, Texte so zu gestalten, dass sie inhaltlich, formal und visuell zugänglich sind. Das betrifft Wortwahl, Satzbau, Textlänge, Kontextinformationen und das Medium. Ein deutscher Fachtext, wortgetreu ins Arabische oder Dari übersetzt, kann immer noch unverständlich bleiben, wenn er kulturelle Bezüge oder Fachbegriffe enthält.

Vorarbeit: Zielgruppen und Kontext analysieren

Bevor ich mit Übersetzungen beginne, frage ich:

  • Wer besucht die Ausstellung? (Alter, Herkunft, Sprachkenntnisse, Fluchthintergrund)
  • Welches Vorwissen ist realistisch? (Kenntnisse über Kunstbegriffe, historische Kontexte)
  • Welche Emotionen sollen angesprochen werden? (Neugier, Erinnerung, kritische Auseinandersetzung)
  • Diese Fragen bringen mich oft zu pragmatischen Entscheidungen: Kürzere Texte, mehr visuelle Kontexte oder zusätzliche Audio-Angebote.

    Klare Sprache statt Fachchinesisch

    Ich schreibe Ausstellungstexte in einfacher, präziser Sprache. Das hilft nicht nur Geflüchteten mit geringen Sprachkenntnissen, sondern auch Besucherinnen und Besuchern, die nicht in Kunsttheorie bewandert sind. Konkrete Tipps:

  • Kurze Sätze, einfacher Satzbau.
  • Fachbegriffe nur wenn nötig – und dann kurz erklärt.
  • Aktive Sprache verwenden (z. B. "Die Künstlerin zeigt..." statt "Gezeigt wird...").
  • Vermeide idiomatische Ausdrücke, Wortspiele oder kulturelle Referenzen, die nicht allgemein verständlich sind.
  • Formate: Wie Text, Bild und Audio zusammenspielen

    Mehrsprachigkeit funktioniert am besten multimodal. In meinen Projekten kombiniere ich:

  • Wandtexte in zwei bis drei Sprachen (z. B. Deutsch, Arabisch, Englisch).
  • Infokarten neben Werken mit Piktogrammen und kurzen Beschreibungen.
  • Audio-Guides oder kurze Hörtexte, verfügbar per QR-Code. Hier nutze ich oft die kostenlose Plattform Anchor oder lokale Dienste, um einfache Player-Links zu generieren.
  • Visuelle Legenden: Symbolik für Materialien, Herstellungsjahr, Dauerlichkeit usw.
  • Wichtig ist, dass alle Formate gleichwertig sind. Wenn nur die deutsche Version prominent an der Wand hängt und die Übersetzungen auf einer Website versteckt sind, sendet das ein falsches Signal.

    Layout und Typografie

    Die Lesbarkeit hängt stark vom Design ab. Einige Designentscheidungen, die ich standardmäßig treffe:

  • Große Schriftgrößen für Wandtexte (mindestens 24–28 pt in Ausstellungsabständen).
  • Kontrastreiche Farbwahl (dunkle Schrift auf hellem Hintergrund).
  • Genügend Zeilenabstand und kurze Textblöcke.
  • Klare Hierarchie mit Fettdruck für Namen, Jahr und Werkbezeichnung.
  • Für Sprachen wie Arabisch oder Dari achte ich auf die Schriftart: Sie muss gut lesbar und in der Größe angepasst sein. Bei Bedarf arbeite ich mit Grafikern zusammen, die Erfahrung mit nicht-lateinischen Schriften haben.

    Übersetzungen: Qualität sichern

    Maschinelle Übersetzungen (z. B. DeepL, Google Translate) sind ein praktischer Startpunkt, aber nie die Endlösung. Ich empfehle folgenden Workflow:

  • Erstentwurf in einfacher Sprache erstellen.
  • Maschinelle Übersetzung als Rohfassung nutzen.
  • Lokale Muttersprachler:innen oder professionelle Übersetzer:innen zur Revision hinzuziehen — idealerweise mit kulturellem Hintergrund zur Zielgruppe.
  • Testlesen mit Community-Mitgliedern (siehe Co-Creation).
  • Bei knappen Budgets habe ich gute Erfahrungen mit studentischen Übersetzer:innen gemacht, die oft günstiger arbeiten und eine hohe Sensibilität mitbringen.

    Co-Creation mit Betroffenen

    Am wirksamsten sind Texte, wenn sie in Zusammenarbeit mit Menschen aus den betreffenden Communities entstehen. Praktische Ideen:

  • Workshops, in denen Texte gemeinsam diskutiert und angepasst werden.
  • Einladung von Community-Botschafter:innen, die als Vermittler:innen fungieren.
  • Kurzumfragen im Vorfeld: Welche Infos fehlen? Welche Wörter irritieren?
  • Solche Prozesse stärken Vertrauen und geben wertvolle Hinweise auf kulturell relevante Perspektiven, die wir als Kurator:innen sonst leicht übersehen.

    Digitale Ergänzungen und Barrierefreiheit

    Digitale Angebote sind besonders für Geflüchtete nützlich, weil sie Inhalte in ihrem eigenen Tempo abrufen können. Ich biete daher oft:

  • Eine mobile-optimierte Landingpage mit allen Texten und Audios.
  • QR-Codes an den Werken, die direkt zur jeweiligen Sprachversion führen.
  • Untertitelung von Videostationen und Transkripte von Audioinhalten.
  • Setze auf barrierefreie Standards: strukturierte HTML, ALT-Texte für Bilder und gut abgestimmte Farbkontraste. Tools wie Wave oder der Accessibility-Checker von Google helfen bei der Prüfung.

    Kulturelle Sensibilität und Trigger-Warnungen

    Manche Arbeiten können traumatische Erinnerungen auslösen. Ich empfehle ausdrücklich klare Hinweise, z. B. eine kleine Legende am Eingang oder auf der Website mit Sprachversionen. Das ist respektvoll und erleichtert die Orientierung für Besucherinnen und Besucher mit Fluchterfahrungen.

    Budget und Zeitplanung

    Mehrsprachige Angebote erfordern zusätzliche Ressourcen. So plane ich:

  • Zeit für Übersetzung und Revision (mindestens 2–4 Wochen, je nach Umfang).
  • Budget für Übersetzer:innen, Lektorat und Druck von mehrsprachigen Tafeln.
  • Reserve für technische Umsetzung (QR-Codes, Audioaufnahmen).
  • Förderprogramme auf kommunaler Ebene, Stiftungen oder Integrationsfonds unterstützen oft mehrsprachige Kulturvermittlung — hier lohnt sich Recherche und Antragstellung.

    Praxisbeispiel: "Heimaten" – leicht gemacht

    Bei einer Ausstellung zum Thema "Heimaten" habe ich Wandtexte in Deutsch, Arabisch und Englisch gesetzt. Parallel gab es kurze Audio-Interviews mit Künstler:innen in deren Herkunftssprachen. Vor der Eröffnung luden wir eine Gruppe aus der lokalen Geflüchteten-Initiative ein, die Texte testete und kleine Änderungen vorschlug — z. B. alternative Begrifflichkeiten, die in ihrer Sprache näher an der Lebenswelt waren. Das bewirkte, dass sich Besucher:innen aus den Communities deutlich wohler fühlten und häufiger ins Gespräch kamen.

    Wenn du möchtest, schicke ich dir gern ein kurzes Template für mehrsprachige Wandtexte oder eine Checkliste für Übersetzungs-Workflows, die du in deinem Projekt verwenden kannst.