Als Kuratorin und Autorin sehe ich regelmäßig Portfolios von Künstler*innen, die sich für Stipendien und Residency-Programme bewerben. Dabei fällt mir eins immer wieder auf: Ein überzeugendes künstler*innen-Portfolio ist weniger eine bloße Sammlung von Bildern und Texten als ein sorgfältig komponiertes Argument dafür, warum gerade du die Residency gestalten solltest. In diesem Beitrag teile ich meine erprobten Strategien, konkrete Formatempfehlungen und praktische Tipps, damit deine Bewerbung aus der Flut hervorsticht — digital, klar und professionell.
Verstehe die Residency — bevor du dein Portfolio zusammenstellst
Bevor du anfängst, Dateien zusammenzusuchen, solltest du das Programm, seine Ziele und seine Auswahlkriterien genau kennen. Frage dich:
- Was ist das Arbeitsfeld der Residency (Forschung, Produktion, Community-Arbeit, Ausstellung)?
- Wer sitzt in der Jury? Sind Kurator*innen, Künstler*innen, Wissenschaftler*innen involviert?
- Welche Formate bevorzugt die Ausschreibung (Video, Bild, Sound, Text, hybride Formate)?
- Gibt es sprachliche oder thematische Schwerpunkte?
Wenn die Antwort klar ist, kannst du dein Portfolio zielgerichtet zuschneiden — das spart Zeit und erhöht deine Chancen.
Setze eine klare Leitidee — dein roter Faden
Mein wichtigster Ratschlag: Baue dein Portfolio um eine starke, leicht erfassbare Leitidee. Diese Idee sollte in deinem Künstler*innenstatement, im Projektvorschlag und in der Auswahl der Arbeiten erkennbar sein. Ein roter Faden hilft Juror*innen, schnell zu verstehen, was dich als*r Bewerber*in ausmacht.
Ein gutes Beispiel: Wenn deine Praxis Forschung zu ökologischen Materialien verbindet, dann zeige nicht zufällig daneben eine Serie abstrakter Fotos ohne Bezug. Stelle stattdessen Arbeiten aus, die Materialkunde, Prozesse und erzählerische Konsequenz dokumentieren.
Die Struktur: Was in ein digitales Portfolio gehört
Ich empfehle eine kompakte, leicht navigierbare Reihenfolge. In dieser Reihenfolge haben sich Bewerbungen am besten bewährt:
- Deckblatt / Kurzprofil: Name, Kontakt, gewünschte Sprache(n), Link zu Website/Sozialen Medien.
- Künstler*innenstatement (max. 300–500 Wörter): Fokus, Methoden, thematische Interessen.
- Projektvorschlag für die Residency (1–2 Seiten): Ziel, Arbeitsplan, erwartete Ergebnisse, Bedarf (Material, Budget, Kooperationen).
- Auswahl deiner Arbeiten (10–15 Arbeiten): Bilder, Videolinks, Soundfiles, beschriftet mit Titel, Jahr, Material, Abmessungen und kurzer Kontextinformation.
- CV und relevante Projekte/Residenzen: kurz, chronologisch, mit Links zu Ausstellungen oder Publikationen.
- Technische Anforderungen / Dateianhang: hochauflösende Medien nur auf Anfrage, Vorschaubilder sind ausreichend.
- Referenzen / Empfehlungsschreiben (optional): kurz und relevant.
Bild- und Videomaterial: Qualität vor Quantität
Wähle max. 10–15 Arbeiten aus, die dein aktuelles Konzept am besten repräsentieren. Achte auf:
- Klare, gut belichtete Fotos. Vermeide starke Verzerrungen oder unruhige Hintergründe.
- Konsistente Bildsprache: Wenn möglich, gleiche Farbabstimmung und ähnliche Bildgrößen.
- Videolinks zu Vimeo oder YouTube (als Unlisted), niemals große Dateien per E-Mail.
- Soundarbeiten als eingebettete Player (SoundCloud, Bandcamp) oder als mp3-Links.
Beschrifte jedes Bild/Video mit einem knappen Kontext: Warum ist diese Arbeit wichtig für deine Residency-Idee?
Praktische Dateiformate und technische Empfehlungen
Ich habe dir eine kleine Übersicht zusammengestellt — diese Formate funktionieren auf den meisten Plattformen und bei den meisten Jurys:
| Medientyp | Format | Empfohlene Spezifikation |
|---|---|---|
| Bilder | JPEG, PNG | RGB, max. 1920 px lange Kante, 72–150 dpi für Web; hochauflösend auf Anfrage (TIFF) |
| Videos | MP4 (H.264) | 1080p, max. 5–10 min als Vorschau; Link zu Vimeo (Unlisted) |
| Audio | MP3, WAV | MP3 192–320 kbps für Vorschau; WAV für master |
| Dokumente | max. 5–10 MB; Text durchsuchbar, Links aktiv |
Sprache, Barrierefreiheit und Metadaten
Sprich die Sprache der Ausschreibung: Wenn Deutsch und Englisch akzeptiert werden, reiche die wichtigsten Dokumente in beiden Sprachen ein. Achte auf Barrierefreiheit:
- Alternative Bildtexte (ALT-Texte) für visuelle Arbeiten.
- Transkripte für Audio/Video oder zumindest Zeitstempel mit Zusammenfassungen.
- Eine klare, gut lesbare Schrift im PDF (z. B. Arial oder Helvetica) und ausreichender Kontrast.
Der Projektvorschlag: Konkret, realistisch, ambitioniert
Dein Vorschlag sollte zeigen, dass du die Residency als Chance für eine konkrete Entwicklung nutzt. Baue folgende Elemente ein:
- Ziel: Was willst du erforschen oder produzieren?
- Methoden: Welche Arbeitsweisen, Materialien oder Kooperationspartner planst du?
- Output: Welche Ergebnisse sind denkbar (Ausstellung, Publikation, Workshop, Open Studio)?
- Zeitplan: Realistische Meilensteine während der Residency.
- Bedarf: Materialliste, technischer Support, Budgetbedarfe.
Ein klarer Zeitplan signalisiert Professionalität — du solltest zeigen, dass du innerhalb des Residency-Zeitraums produktiv arbeiten kannst.
Presentation matters: PDF-Layout und Online-Präsenz
Gestalte dein PDF übersichtlich: Deckblatt, Inhaltsverzeichnis (bei längeren Dossiers), klare Abschnitte. Nutze aktive Links zu Videos und deiner Website. Wenn du eine eigene Portfolio-Website (z. B. Squarespace, Wix, WordPress) hast, achte auf:
- Schnelle Ladezeiten (komprimierte Medien),
- Mobile Optimierung,
- einfacher Zugang zu CV und Kontaktdaten.
Viele Jurys öffnen lieber einen kurzen PDF-Portfolio-Link als mehrere externe Seiten; passe dich also den Vorgaben an.
Vor der Abgabe: Teste und hole Feedback
Bevor du abschickst, führe einen Testlauf durch:
- Sende dein Portfolio an eine*n Kolleg*in und bitte um ehrliches Feedback.
- Prüfe alle Links auf verschiedenen Geräten und Browsern.
- Simuliere die Jury-Erfahrung: Kann jemand in 5 Minuten verstehen, worum es dir geht?
Follow-up und Sichtbarkeit
Wenn du angenommen wirst — Gratulation! Kommuniziere professionell mit der Residency, lege Zwischenberichte vor und dokumentiere deine Arbeit sichtbar. Wenn du abgelehnt wirst, frage höflich nach Kuratorenfeedback (manchmal möglich) und aktualisiere dein Portfolio für die nächste Bewerbung.
Ich unterstütze regelmäßig Künstler*innen beim Feinschliff ihrer Portfolios und der Vorbereitung von Residency-Bewerbungen. Falls du möchtest, kann ich dein Dossier durchsehen oder dir ein kuratiertes Feedback geben — kurze Anfrage genügt. Viel Erfolg beim Zusammenstellen deines digitalen Portfolios: Denke strategisch, erzähle eine klare Geschichte und gestalte die Benutzererfahrung so einfach wie möglich für die Jury.