Als kuratorisch tätige Person und Betreiberin dieses Blogs ist mir wichtig, dass Ausstellungen nicht nur sichtbar, sondern auch erfahrbar werden — für alle Menschen, unabhängig von ihrer Sehfähigkeit. In diesem Beitrag teile ich meine Erfahrungen und praktischen Tipps für die Planung eines barrierearmen Ausstellungsdesigns für sehbehinderte Besucher*innen. Ich schreibe aus der Perspektive der Praxis: was sich bewährt hat, welche Fragen ich im Team und mit Expert*innen bespreche und welche einfachen wie wirkungsvollen Maßnahmen sich umsetzen lassen.
Barrierearm statt nur barrierefrei: ein Perspektivwechsel
„Barrierearm“ bedeutet für mich einen pragmatischen Zugang: nicht nur gesetzliche Vorgaben erfüllen, sondern gezielt Angebote schaffen, die Wahrnehmung und Teilhabe fördern. Das heißt, ich denke nicht nur an Rampen oder Türen, sondern an multisensorische Zugänge — taktile, auditive und haptische Informationen — und an eine respektvolle Kommunikation mit Besucher*innen.
Früh einbinden: Menschen mit Sehbehinderung als Ko-Kurator*innen
Einer der wichtigsten Schritte ist die Zusammenarbeit mit Betroffenenorganisationen und einzelnen sehbehinderten Personen bereits in der Planungsphase. Ich lade regelmäßig Vertreter*innen lokaler Behindertenverbände, blinder Künstler*innen oder Nutzer*innen der Blindenschule ein, Entwürfe und Konzepte zu testen. Das nimmt Unsicherheiten, liefert konkrete Hinweise und verhindert teure Nachbesserungen.
Orientierung und Wegführung
- Klare Grundstruktur: Ein übersichtlicher Raumplan mit offenen Sichtachsen hilft allen Besucher*innen — hilfreiche Orientierungspunkte sind große, haptische Träger wie Säulen, Bänke oder Themenecken.
- Bodenleitsysteme: Wo möglich nutze ich kontrastreiche Bodenmarkierungen oder taktile Elemente (Rillen, Noppen) zur Orientierung — in Abstimmung mit lokalen Normen und Sicherheitsexpert*innen.
- Beschilderung: Schilder in großer, kontrastreicher Schrift, zusätzlich in Braille und mit taktilen Piktogrammen an wichtigen Knotenpunkten.
Beleuchtung und Kontrast
Gute Beleuchtung ist zentral: blendfreie, gleichmäßige Ausleuchtung reduziert visuelle Anstrengung. Ich bevorzuge warmweiße LED-Leuchten mit dimmbarer Steuerung, damit Bereiche angepasst werden können. Kontraste zwischen Boden, Wänden und Exponaten erleichtern die Orientierung: ein dunkler Rahmen um Vitrinen oder ein kontrastierender Sockel können Wunder wirken.
Multisensorische Vermittlung
Statt mich allein auf das Visuelle zu verlassen, biete ich Eindrücke für andere Sinne an:
- Taktile Modelle: Maßstabsmodelle von Skulpturen oder Räumen ermöglichen Haptik. Für empfindliche Werke kann ein taktiles Modell aus langlebigem Material (z. B. 3D-Druck in PLA) gute Dienste leisten.
- Haptische Beschreibungen: Kurze, taktile Beschriftungen oder Stoffmuster zum Anfassen geben Materialinformationen.
- Geruchs- und Soundelemente: dezente Duftsignale oder Audiosequenzen, die Kontext oder Stimmung vermitteln, wenn es inhaltlich passt.
Audioformate: Guides, Beschreibungen, Live-Vermittlung
Audio ist ein zentraler Zugang. Ich setze auf mehrere Ebenen:
- Professionell eingelesene Audiodeskriptionen zu ausgewählten Werken (ca. 60–120 Sekunden), die stationär über kleine drahtlose Empfänger (z. B. Bluetooth- oder FM-basierte Lösungen) oder via App abrufbar sind.
- Live-Audioguides und Führungen durch geschulte Vermittler*innen, die auf die Bedürfnisse sehbehinderter Teilnehmer*innen eingehen können.
- Integration vorhandener Dienste: In manchen Fällen arbeite ich mit Diensten wie Be My Eyes oder lokalen Vermittlungsangeboten zusammen, um Hilfe auf Abruf zu ermöglichen.
Beschriftung, Texte und digitale Zugänglichkeit
Kurze, klare Texte in einfacher Sprache sind für alle hilfreich. Für Sehbehinderte gilt:
- Große Schrift (mindestens 18–24 pt je nach Schriftart), hohe Kontraste (z. B. Dunkelgrau auf Creme oder Schwarz auf Weiß).
- QR-Codes neben Objekten, die zu Audio-Beschreibungen oder Langtexten führen — die Seiten sollten WCAG-konform und für Screenreader optimiert sein.
- PDFs und online bereitgestellte Materialien in zugänglichen Formaten: strukturierte Überschriften, Alternativtexte für Bilder und gut lesbare Layouts.
Materialwahl und Haptik
Beim Materialdesign denke ich an Langlebigkeit, Temperatur und Sicherheit. Glänzende, spiegelnde Oberflächen vermeiden; stattdessen matte Materialien mit fühlbarer Struktur wählen. Bei interaktiven Teilen achte ich auf abriebfeste, hygienische Materialien (z. B. beschichtetes Holz, verstärkter Kunststoff).
Personal und Schulung
Das Team ist entscheidend: Mitarbeitende sollten grundlegende Kenntnisse zur assistierenden Kommunikation und zum Umgang mit Blindenführung haben. Schulungen umfassen:
- Grundlagen der verbalen Beschreibung (präzise, nicht wertend).
- Begleitungstechnik (z. B. korrekte Begleitung am Ellenbogen).
- Kenntnis der angebotenen Hilfsmittel (Audio-Player, Non-Visual Aids).
Technik: Apps, AR und kostengünstige Lösungen
Digitale Werkzeuge können ergänzen, sollten aber nicht alleinige Lösung sein:
- Eigene App oder mobile Website mit Audiodeskriptionen, taktilen Karten und Orientierungshilfen. Tools wie VoiceOver/Android TalkBack sollten unterstützt werden.
- Augmented Reality (AR) kann Zusatzinfos liefern, ist aber nur sinnvoll, wenn Nutzer*innen das Prinzip kennen — oft weniger zugänglich als einfache Audioangebote.
- Kostengünstige Leihgeräte: Tablets mit vorinstallierten Guides, einfache Bluetooth-Kopfhörer oder mp3-Player sind praktisch, wenn Nutzer*innen kein eigenes Smartphone haben.
Partizipation und Feedback
Nach jeder Ausstellung sammele ich gezielt Feedback von sehbehinderten Besucher*innen: Was war hilfreich? Was hat gefehlt? Dieses Feedback fließt in die nächste Planung. Ein einfacher Feedbackbogen in Braille, als Audioaufnahme vor Ort oder als telefonisches Interview schafft wertvolle Einsichten.
Rechtliche Rahmenbedingungen und Normen
In Deutschland sind Vorgaben wie die DIN 18040 (barrierefreies Bauen) und lokale Vorgaben zu berücksichtigen. Diese Normen helfen, Mindeststandards zu erfüllen — darüber hinaus lohnt sich der Einsatz von Good-Practice-Checklisten, die spezifisch für Museen und Ausstellungsorte entwickelt wurden.
Einfache Checkliste für die Praxis
| Bereich | Maßnahme | Aufwand |
|---|---|---|
| Orientierung | Kontraste, taktile Bodenmarkierungen, klare Wegführung | mittel |
| Information | Große Beschilderung, Braille, QR-Codes zu Audio | niedrig |
| Multisensorik | Taktile Modelle, haptische Samples, Duft- oder Klangstationen | mittel |
| Personal | Schulung in Assistenz & Audiodeskription | niedrig |
| Digital | Zugängliche Website/App, Audiodeskriptionen | mittel |
Budgettipps
Nicht alle Maßnahmen sind teuer. Gute Beschilderung, eine kleine Auswahl an Audiodeskriptionen und gezielte Personalschulungen sind oft die kosteneffektivsten Hebel. Für taktile Modelle lohnt sich die Zusammenarbeit mit einer lokalen Werkstatt oder einem FabLab; 3D-Druck reduziert Kosten für Prototypen. Fördermittel für Barrierefreiheit werden regional oft bereitgestellt — eine Recherche lohnt sich.
Wenn Sie wollen, kann ich für Ihre kommende Ausstellung ein kurzes Audit durchführen oder eine Basis-Audiodeskription erstellen. Teilen Sie mir gern Pläne oder Fotos mit — gemeinsam finden wir pragmatische Lösungen, die Ihre Ausstellung für sehbehinderte Besucher*innen erfahrbar machen.