Eine Live-Künstlererzählung bei einer Eröffnung kann weit mehr sein als ein kuratiertes Statement: Sie ist ein Instrument, um Publikum zu binden, Presse zu interessieren und die Präsenz eines Projekts im Nachgang zu verlängern. Ich teile hier meine Praxis und meine Überlegungen dazu – konkret, pragmatisch und mit Blick auf Vermittlung, Barrierefreiheit und Medienarbeit.

Was verstehe ich unter einer "live-künstlererzählung"?

Für mich ist eine live-künstlererzählung kein starrer Vortrag, sondern eine performative Form der Vermittlung: Eine Mischung aus Erzählung, Demonstration, Interaktion und manchmal multimedialer Begleitung, in der die Künstlerin/der Künstler den Entstehungsprozess, Intentionen und Brüche des Werks vor Publikum sichtbar macht. Ziel ist, Zugänge zu schaffen, die sowohl die fachlich interessierte Kritik als auch das breitere Publikum abholen.

Warum lohnt sich dieser Aufwand für Openings?

  • Publikumsbindung: Menschen erinnern sich an Erlebnisse. Eine Live-Erzählung erzeugt Emotionen und identitätsstiftende Momente.
  • Presseansprache: Journalistinnen suchen nach erzählbaren Formaten – eine performative Präsentation liefert O-Töne, Bilder und Narrative.
  • Multiplikation: Besucherinnen teilen unmittelbar auf Social Media, was Reichweite erzeugt.
  • Diskursförderung: Direkte Dialoge zwischen Publikum und Künstler*in erhöhen die Qualität der Rezeption.

Vorbereitung: Storyboard, Timing und Technik

Ich beginne immer mit einem kleines Storyboard: Was soll erzählt werden? Welche Stationen des Prozesses sind relevant? Welches Bild möchten wir am Ende im Kopf behalten? Daraus entsteht eine grobe Dramaturgie mit klaren Zeitfenstern (meist 20–35 Minuten für die Live-Präsentation, je nach Format).

Technik ist kein Selbstzweck, sondern Mittel zum Zweck. Bei uns im Kunstverein plane ich meist mit folgenden Komponenten:

  • Ein einfaches PA-System (z. B. Bose S1 Pro oder JBL EON für mobile Settings) – damit auch leise Stimmen ankommen.
  • Ein Laptop für Bild- oder Videomaterial (MacBook oder Windows, HDMI), oft ergänzt durch ein Tablet für spontane Skizzen.
  • Beleuchtung: Eine gezielte Ausleuchtung einzelner Werke oder eine mobile LED-Leuchte (z. B. Aputure) schafft Fokus.
  • Livestream-Option: Für Presse und entfernte Publikumsschichten nutze ich oft Zoom-Livestream oder Instagram Live, mit OBS für Bildmischung wenn nötig.

Formate, die funktionieren

Nicht jede Erzählung muss eine Performance sein. Ich variiere je nach Künstler*in, Werk und Raum:

  • Dialogformat: Künstler*in im Gespräch mit einer Moderatorin (oder mir). Gut für komplexe Konzepte und O-Töne für Presse.
  • Demonstration: Material- oder Technikvorführung (z. B. Druckverfahren, Aufbau einer Skulptur). Sehr anschaulich für Besucherinnen.
  • Multimediale Erzählung: Kurze Video-Einspielungen, die Entstehungsphasen zeigen, begleitet von Live-Kommentar.
  • Partizipative Stationen: Publikum wird eingeladen, Teil der Erzählung zu werden – zum Beispiel durch das Ergänzen einer Wandnotiz oder eines performativen Elements.
  • Stille Lesung/Monolog: Für poetische Arbeiten kann ein konzentrierter Monolog in reduzierter Form sehr wirksam sein.

Publikumsbindung während der Erzählung

Ich sorge dafür, dass das Publikum nicht passiv bleibt. Das gelingt durch:

  • Direkte Adressen und Fragen, die zum Nachdenken oder zur Reaktion anregen.
  • Kurzformate: Häufige Wechsel zwischen Erzählen, Bild und Aktion halten Aufmerksamkeit.
  • Visuelle Anker: Projizierte Bilder, Skizzen oder Handproben, die Verständlichkeit erhöhen.
  • Follow-up-Aktionen: Einladung zu einer anschließenden Hands-on-Station oder einem Drink im Ausstellungsraum verlängert den Aufenthalt.

Pressearbeit: Wie ich Journalistinnen einbinde

Für die Medien ist Timing und Material entscheidend. Meine Routine:

  • Vorab ein kurzes Press-Paket senden: Statement der Künstlerin, hochauflösende Bilder (300 dpi), eine Pressetext-Version in 2 Längen (200 und 600 Wörter) und relevante Biografien.
  • Persönliche Einladung zu einer Previewsession für Presse (15–20 Minuten), in der Raum und Konzept erklärt werden – das erhöht die Chance auf Berichterstattung.
  • Pressebogen physisch bei Opening bereitlegen; inklusive QR-Code zu weiterführendem Material auf unserer Website (https://www.kunstverein-badvilbel.de).
  • O-Töne ermöglichen: Ich bitte Künstler*innen, prägnante Statements parat zu haben. Journalisten lieben Zitate.

Barrierefreiheit und inklusive Vermittlung

Mir ist es wichtig, dass Live-Erzählungen für möglichst viele zugänglich sind. Das plane ich konkret:

  • Raumakustik prüfen – bei Bedarf Mikrofone bereitstellen.
  • Rampen und Sitzmöglichkeiten für Menschen mit Gehbehinderung anbieten.
  • Kurzversion der Erzählung als Text auf Deutsch/Englisch/Französisch zur Verfügung stellen.
  • Für Hörgeschädigte: Live-Untertitelung per Tablet/Zoom oder schriftliche Zusammenfassungen.

Visuelle Kommunikation vor und während der Eröffnung

Ein guter Teaser erzeugt Erwartung. Ich arbeite mit:

  • Social-Media-Teasern: 30–60-sekündige Clips oder Stories (Instagram, Facebook), die kleine Ausschnitte der Entstehung zeigen.
  • Behind-the-scenes-Fotos und kurze Statements der Künstlerin für LinkedIn und Twitter/X – unterschiedliche Kanäle, unterschiedliche Ansprache.
  • Live-Updates und Reels während des Openings: Das erhöht kurzfristig die Sichtbarkeit und bindet digitale Communities.

Risikomanagement und Flexibilität

Oft läuft nicht alles nach Plan. Ich berücksichtige deshalb:

  • Backup-Equipment: Ersatzkabel, Powerbanks, zweites Mikro.
  • Plan B für schlechtes Wetter (bei outdoor-Performances) oder technischen Ausfall (z. B. reine Hörfassung oder Q&A ohne Technik).
  • Klare Rollenverteilung: Wer moderiert, wer kümmert sich um Technik, wer spricht Presse an?

Nachhaltigkeit und Follow-up

Eine Erzählung endet nicht mit dem letzten Applaus. Für nachhaltige Wirkung:

  • Ich dokumentiere die Live-Einheit (Foto, kurzes Video, Audiomitschnitt) und lade eine Zusammenfassung auf unsere Seite hoch.
  • Newsletter-Recap: Ein kurzer Text an unsere Mailingliste mit Bildern und O-Tönen hat oft eine größere Reichweite als die Eröffnung selbst.
  • Feedback einholen: Kurzfragebogen vor Ort oder online, um die Resonanz zu messen und Erkenntnisse für das nächste Format zu sammeln.

Beispiele und kleine Tricks aus der Praxis

Ein Beispiel: Für eine Ausstellung zu Materialpoesie bat ich die Künstlerin, während der Eröffnung eine Arbeit aufzuschichten und gleichzeitig über die Materialentscheidungen zu sprechen. Das Publikum konnte einzelne Materialien anfassen – ein starker Moment, der die Pressefotos lebendig machte.

Kleiner Technik-Tipp: Ich nutze oft das Smartphone als Zweitkamera für Close-ups, gekoppelt an ein kleines Gimbal (z. B. DJI Osmo Mobile) – so entstehen dynamische Nahaufnahmen für Social Media ohne großen Aufwand.

Wenn Sie möchten, begleite ich gern bei der Entwicklung einer solchen live-künstlererzählung – von der dramaturgischen Planung bis zur Pressebetreuung. Für Inspirationen und Beispiele verweise ich außerdem auf die Dokumentationsseite unseres Vereins: https://www.kunstverein-badvilbel.de.