Als Kuratorin und Organisatorin von Projekten weiß ich, wie schwierig es sein kann, ein Artist-in-Residence-Programm so zu gestalten, dass es wirklich für berufstätige Künstlerinnen erreichbar ist. In Bad Vilbel wollen wir Zugänge schaffen, die Berufen, Familien- und Pflegeaufgaben sowie künstlerischen Bedürfnissen gerecht werden. Im Folgenden teile ich meine praktische Anleitung — konkret, umsetzbar und mit Blick auf lokale Netzwerke und Ressourcen.

Warum ein spezielles Programm für berufstätige Künstlerinnen?

Viele Residenzen setzen voraus, dass Künstler*innen mehrere Wochen frei von beruflichen Verpflichtungen sind. Das schließt eine große Gruppe aus: jene, die in Teilzeit arbeiten, Lehre geben, Betreuungspflichten haben oder andere Einkommensquellen benötigen. Ein speziell zugeschnittenes Programm erhöht die Diversität, bringt unterschiedliche Perspektiven in die Stadt und stärkt die lokale Szene.

Grundprinzipien, an denen ich mich orientiere

  • Flexibilität: zeitliche und organisatorische Angebote, die sich an Lebensrealitäten anpassen.
  • Barrierearme Zugänge: niedrigschwellige Bewerbung, klare Unterstützung bei Finanzierung und Anreise.
  • Community-Einbindung: Austausch mit lokalen Akteurinnen, Workshops, öffentliche Formate.
  • Transparenz: klare Kriterien, Zeitpläne und erwartete Outcomes.
  • Nachhaltigkeit: faire Honorare, ökologische und soziale Verantwortung.

Formate, die für berufstätige Künstlerinnen funktionieren

Nicht jede Künstlerin kann für einen Monat alles stehen und liegen lassen. Folgende Modelle haben sich als praktikabel erwiesen:

  • Micro-Residences: 3–7 Tage intensive Arbeitsphasen, z. B. verlängerte Wochenenden.
  • Teilzeit-Residences: mehrere Wochen mit präsentem Arbeitsplatz, aber flexiblen Arbeitszeiten (z. B. Abend-/Wochenendzugang).
  • Distributed Residences: Kombination aus Präsenzphasen in Bad Vilbel und unterstützter Fernphase (online Betreuung, Materialzuschuss).
  • Job-Sharing-Residences: Zwei Künstlerinnen teilen sich Platz und Fördermittel, koordinieren Anwesenheit.
  • Community-gestützte Residences: gekoppelt an lokale Arbeitgeber, die temporäre Freistellungen ermöglichen (Kooperation mit Unternehmen, Schulen, Kulturinstitutionen).

Finanzierung und Honorare

Berufstätige Künstlerinnen sind oft auf ein Zusatzeinkommen angewiesen. Darauf reagiere ich so:

  • Stipendienhöhe an Lebensrealitäten anpassen: Auch Kurzaufenthalte sollten eine Mindestsumme für Reise, Material und Zeit ersetzen (z. B. Tagespauschalen).
  • Honorare für Präsentationen: Workshops, Artist Talks und Vermittlungsformate sollten zusätzlich bezahlt werden.
  • Ko-Finanzierung: Fördermittel, lokale Sponsoren (z. B. Sparkassen, Stadtförderungen) und Crowdfunding-Optionen.

Räumlichkeiten und Infrastruktur

Ein funktionierendes Verhältnis von Arbeits- und Wohnraum ist zentral:

  • Atelierzugang außerhalb 9–17 Uhr: Many berufstätige Künstlerinnen arbeiten abends oder am Wochenende — das Atelier muss flexibel zugänglich sein.
  • Mobilität: gute Anbindung an Zug/Bus; Fahrradstellplätze; ggf. Zuschuss für Anreise (DB-Ticket, Flixbus).
  • Werkzeug und Materialpool: Basiswerkzeuge, Drucker/Scanner, Nähmaschine, Grundmaterialien, um Reisen ohne großen Materialtransport zu erleichtern.
  • Ruhiger Arbeitsraum & Rückzugsorte: Besprechungsraum für Calls, Rückzugsnischen für fokussiertes Arbeiten.

Betreuung und Begleitung

Gute Betreuung erhöht den Nutzen jeder Residenz:

  • Patenprogramm: lokale Künstlerin oder Kuratorin als Ansprechperson.
  • Administrative Unterstützung: Hilfe bei Anmeldung, Versicherungen, Einfuhr von Materialien.
  • Mentoring: berufliche Fragen, Vermarktung, Bewerbungscoaching und Stipendienberatung.
  • Flexible Vermittlungsformate: kurze Abendworkshops, Lunch-Talks, digitale Q&A-Sessions für jene, die tagsüber arbeiten.

Beispielhafter Wochenplan für eine Teilzeit-Residency

TagVormittagNachmittagAbend
Montag Arbeitszeit (frei gestaltbar) Atelierzeit / Materialbestellungen Online-Check-in mit Betreuerin (19–20 Uhr)
Mittwoch Arbeit/Jobs Atelier (16–19 Uhr) Offener Studioabend & Austausch (19–21 Uhr)
Freitag Arbeit/Jobs Präsenz im Atelier (14–18 Uhr) Präsentation / Kurz-Feedback (ab 19 Uhr)
Wochenende Intensive Arbeit (9–13 Uhr) Workshops / Community-Event (14–17 Uhr) Ruhezeit / Netzwerken

Bewerbungsprozess — fair und inklusiv

Eine schlanke Bewerbung senkt die Einstiegshürde:

  • Kurzbewerbung: CV, Anliegen/Projektidee (max. 300–500 Wörter), drei Arbeiten/Links.
  • Transparente Kriterien: Offenlegung der Auswahlkriterien (Projektpassung, Diversität, regionale Relevanz).
  • Stipendien für Reisekosten: Bei Nachweis von Bedarf automatisch berücksichtigen.
  • Feedback: Nicht ausgewählten Bewerberinnen eine kurze Form des Feedbacks anbieten — wertvoll für die Karriere.

Programminhalte und Outcomes

Was sollte eine Teilnehmerin nach der Residenz mitnehmen?

  • Konkrete Arbeiten oder Projektfortschritte (Corpus, Prototypen, Konzepte).
  • Erweiterte lokale Kontakte (Kuratorinnen, Galerien, Sammlerinnen, andere Künstlerinnen).
  • Dokumentation und Sichtbarkeit: Foto-/Videodokumentation, kleine Online- oder Pop-up-Präsentation auf unserer Website.
  • Handfeste Skills: Vermittlung, DIY-Techniken, Antragsschreiben-Workshop.

Integration in die Bad Vilbeler Community

Ein Residency-Programm lebt von Austausch. Ich setze auf:

  • Kooperationen mit Schulen und Kultureinrichtungen für Workshops und Vermittlungsprojekte.
  • Partnerschaften mit lokalen Unternehmen für Materialspenden oder Sponsoring (z. B. Bauzentren, Druckereien).
  • Regelmäßige öffentliche Formate: Open Studios, Salon-Abende, kuratierte Pop-ups in Leerständen.

Evaluation und Weiterentwicklung

Kontinuierliche Verbesserung ist mir wichtig. Instrumente, die ich nutze:

  • Kurze Endbefragung (Ergebnisse, Bedürfnisse, Vorschläge).
  • Follow-up nach 6–12 Monaten (Wirkung auf Praxis, Karriere, lokale Vernetzung).
  • Offene Feedbackrunden mit lokalen Partnern und Teilnehmerinnen.

Praktische Checkliste für die Umsetzung

  • Festlegen des Formats (Micro, Teilzeit, Distributed).
  • Budgetplanung: Stipendien, Honorare, Infrastrukturkosten.
  • Ausschreibungstext und transparentes Auswahlverfahren.
  • Atelier, Unterkunft, Logistik (Transport, Materiallager).
  • Betreuungspersonen & Mentoring-Struktur.
  • Kommunikationsplan: Website (https://www.kunstverein-badvilbel.de), Social Media, lokale Presse.
  • Evaluationstool und Follow-up-Konzept.

Wenn Sie möchten, kann ich ein ausgearbeitetes Ausschreibungstemplate für Bad Vilbel erstellen oder mit potenziellen Kooperationspartnern in der Region Kontakt aufnehmen. Schicken Sie mir gern Ihre Ideen oder Fragen — für mich ist es ein Herzensanliegen, Residenzen so zu gestalten, dass sie echte Chancen eröffnen.