Partizipative Ausstellungen interessieren mich seit vielen Jahren — nicht zuletzt, weil ich immer wieder erlebe, wie sehr sie das Verhältnis zwischen Kunstwerk, Raum und Publikum verändern können. In meiner kuratorischen Arbeit versuche ich, Ausstellungen so zu gestalten, dass Besucherinnen und Besucher nicht nur Konsumentinnen und Konsumenten bleiben, sondern zu Mitgestaltenden werden. In diesem Beitrag schildere ich Erfahrungen, beantworte häufig gestellte Fragen und gebe praktische Hinweise für alle, die partizipative Formate planen oder besuchen möchten.

Was bedeutet "partizipativ" im Ausstellungszusammenhang?

Partizipation kann viele Formen annehmen: von einfachen Kommentarbögen bis zu kollaborativen Kunstprojekten, bei denen Nicht-Künstlerinnen und Nicht-Künstler aktiv mitproduzieren. Für mich heißt partizipativ vor allem: die Grenze zwischen Publikum und Produzentin aufweichen, Wissen teilen und Raum für Unvorhergesehenes schaffen. Es geht nicht nur um Interaktion als Effekt — es geht um echte Einbindung in Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse.

Welche Ziele verfolge ich mit partizipativen Ausstellungen?

Ich verfolge mehrere, miteinander verbundene Ziele:

  • Empowerment: Menschen sollen das Gefühl haben, dass ihre Stimme zählt und dass sie etwas mitgestalten können.
  • Dialog: Ein Austausch zwischen Künstlerinnen, Kuratorinnen und Publikum fördert Verständnis und neue Perspektiven.
  • Barriereabbau: Partizipation kann niedrigschwellige Zugänge schaffen, etwa für Künstlerinnen und Künstler aus dem lokalen Umfeld.
  • Nachhaltigkeit: Formate, die auf gemeinsamer Nutzung und Weitergabe basieren, können langfristigere Beziehungen zur Community aufbauen.

Welche Fragen stellen sich Interessentinnen und Interessenten am häufigsten?

Die häufigsten Fragen drehen sich um Aufwand, Kontrolle und Ergebnisqualität. Ich beantworte sie hier aus der Praxis:

  • Muss ich die Kontrolle über das Ausstellungskonzept aufgeben? Nein. Als Kuratorin bleibt die Gestaltungsverantwortung bestehen, aber ich setze bewusst auf offene Prozesse: Leitplanken geben, ohne alles vorzudefinieren.
  • Wie vermeide ich chaotische oder ästhetisch schlechte Ergebnisse? Qualität entsteht durch Moderation, klare Regeln und technische Rahmenbedingungen. Beispielsweise lege ich Materialvorgaben, Maße oder zeitliche Abläufe fest.
  • Wie messe ich Erfolg? Erfolg ist oft qualitativ: Beteiligungszahlen sind wichtig, aber ebenso Diskussionstiefe, Medienresonanz, langfristige Vernetzungen oder persönliche Rückmeldungen.

Konkrete Formate, die funktionieren

Aus meiner Erfahrung haben sich mehrere Formate bewährt:

  • Open Call mit Co-Creation-Phase: Künstlerinnen reichen Konzepte ein, die in offenen Workshops weiterentwickelt werden. So entstehen hybride Arbeiten und die Community wird früh eingebunden.
  • Partizipative Installationen: Werke, die durch Handlungen des Publikums verändert werden — etwa kollaborative Wandzeichnungen, Soundcollagen oder modulare Skulpturen.
  • Storytelling-Stationen: Besucherinnen und Besucher teilen persönliche Geschichten, die in die Ausstellung integriert werden (audio, text, Video).
  • Pop-up Labs und Werkstätten: Temporäre Produktionsräume im Ausstellungsraum, in denen gemeinsam gearbeitet wird — ideal für Workshops mit lokalen Initiativen oder Schulen.

Ein Beispiel aus der Praxis: "Nachbarschaftskarte"

In einer von mir kuratierten Ausstellung habe ich gemeinsam mit einer Künstlerin und dem lokalen Stadtplanungsamt eine interaktive "Nachbarschaftskarte" realisiert. Besucherinnen konnten Orte markieren, kleine Geschichten hinzufügen und Vorschläge für temporäre Interventionen machen. Die Karte wurde während der Laufzeit mehrfach überarbeitet und schließlich eine digitale Version an die Stadt übergeben. Das Projekt zeigte, wie partizipative Formate neben künstlerischem Mehrwert auch konkrete kommunale Prozesse beeinflussen können.

Wie bereite ich eine partizipative Ausstellung organisatorisch vor?

Gute Vorbereitung verhindert viele Probleme. Wichtige Punkte:

  • Stakeholder früh einbinden: Künstlerinnen, Technik, Kommunikation, Barrierefreiheitsbeauftragte und lokale Partner sollten von Anfang an an Bord sein.
  • Klare Vorgaben: Materiallisten, Hygieneregeln, Zeitfenster und Verantwortlichkeiten sind unverzichtbar.
  • Moderation und Betreuung: Ehrenamtliche oder Kulturvermittlerinnen können die Prozesse begleiten; ein Schulungsbriefing vorher ist hilfreich.
  • Haftung und Rechte klären: Nutzungsrechte, Bildrechte und Haftungsfragen sollte man schriftlich regeln — besonders bei Beiträgen von Nicht-Professionellen.

Barrierefreiheit und Inklusion

Partizipative Formate bieten Chancen für inklusive Zugänge, erfordern aber gezielte Maßnahmen:

  • Mehrsprachige Instruktionen (ich nutze oft Deutsch, Englisch und Französisch).
  • Alternative Teilnahmemöglichkeiten (analog + digital) für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen oder sensorischen Einschränkungen.
  • Flexible Zeitfenster: manche Besucherinnen brauchen mehr Zeit, um sich einzubringen.
  • Kooperation mit sozialen Einrichtungen kann Zugänge erweitern.

Digitale Tools, die ich empfehle

Digitale Tools können partizipative Prozesse erweitern, aber sie ersetzen nicht die physische Begegnung. Einige, die ich erfolgreich eingesetzt habe:

  • Miro oder Mural für kollaborative Ideensammlungen.
  • Padlet als niedrigschwellige Wand für Beiträge und Bilder.
  • QR-Codes (erzeugt z. B. mit goqr.me) für unkomplizierten Zugriff auf Umfragen oder Audioaufnahmen.
  • Open-Source-Lösungen wie Jitsi für digitale Gesprächsrunden, wenn Datenschutz wichtig ist.

Finanzierung und Fördermöglichkeiten

Partizipative Projekte sind manchmal personal- und materialintensiv. Förderquellen:

  • Kommunale Kulturförderungen und Stadtteilfonds.
  • Stiftungen mit Fokus auf Partizipation oder Nachhaltigkeit (z. B. Kulturstiftung des Bundes, lokale Stiftungen).
  • Corporate Sponsoring für Material oder Technik — Firmen wie Moleskine oder Staedtler unterstützen oft Bildungs- und Kulturprojekte.
  • Crowdfunding-Plattformen für community-getriebene Projekte.

Tipps für Besucherinnen und Besucher

Wenn Sie eine partizipative Ausstellung besuchen, beachten Sie:

  • Lesen Sie die Teilnahmehinweise: Manche Beiträge werden dauerhaft, andere temporär übernommen.
  • Frag nach: Mitarbeiterinnen vor Ort erklären oft Hintergründe und mögliche Rollen.
  • Trauen Sie sich: Es geht nicht um perfekte Kunst, sondern um Teilen von Perspektiven.
  • Respektieren Sie Regeln, besonders wenn Exponate verletzlich sind oder personenbezogene Daten gesammelt werden.
FrageKurze Antwort
Kann jede/r mitmachen?Ja, wenn Regeln und Zugänge klar kommuniziert sind.
Wer übernimmt die Dokumentation?Oft die Kuratorin oder ein Projektteam; digitale Tools erleichtern die Nachverfolgung.
Wie lange dauert die Beteiligung?Von Minuten (Kommentar) bis Monaten (ko-kurierte Projekte).

Partizipative Ausstellungen sind Arbeit — sie verlangen Planung, Kommunikation und Bereitschaft, Kontrolle abzugeben. Dafür ermöglichen sie aber Begegnungen, die länger nachklingen als eine einfache Betrachtung. Wenn Sie Ideen, Fragen oder Projektvorschläge haben, freue ich mich über Ihre Nachricht — gemeinsam lassen sich Formate entwickeln, die lokale Netzwerke stärken und zeitgenössische Kunst neu erfahrbar machen.