Als Kuratorin und Vermittlerin habe ich in den letzten Jahren mehrfach Workshops für geflüchtete Menschen organisiert oder begleitet. Dabei habe ich gelernt: Es reicht nicht, einen Raum und Material bereitzustellen. Niedrigschwelligkeit bedeutet, dass reale Teilhabe von Anfang an mitgedacht wird — von der Einladung bis zur Nachbereitung. In diesem Text teile ich meine Praxis, Tipps und Fallstricke, damit du ein Workshopformat entwickeln kannst, das wirklich funktioniert.

Was bedeutet "niedrigschwellig" in diesem Kontext?

Für mich heißt niedrigschwellig: Barrieren so weit wie möglich abbauen. Dazu gehören sprachliche Zugänglichkeit, kostensparende Teilnahme, flexible Anwesenheitsregeln, sichere Räume ohne Pflicht zur Registrierung, sowie Respekt vor unterschiedlichen Lebensrealitäten. Niedrigschwellig ist nicht gleichbedeutend mit unverbindlich: echtes Empowerment braucht klare Strukturen, aber diese dürfen nicht ausschließend wirken.

Teilnahmegewinnung: Vertrauen vor Reichweite

Die beste Einladung nutzt nichts, wenn Zielgruppen sich nicht angesprochen oder unsicher fühlen. Ich arbeite deshalb mit bestehenden Netzwerken: Beratungsstellen, Sprachkurse, Unterkünfte, Ehrenamtliche, Kinder- und Jugendzentren. Oft sind persönliche Kontakte oder Empfehlungen wirksamer als Flyer. Praktische Kanäle:

  • WhatsApp-Gruppen und Telegram: schnell und niedrigschwellig, besonders wenn Workshop-Infos in einfachen Worten geteilt werden.
  • Poster an Orten, die Menschen regelmäßig besuchen (Supermärkte mit internationaler Kundschaft, Moscheen, Gemeindehäuser).
  • Kooperation mit Dolmetschenden oder Community-Botschaftern, die als Vermittler*innen auftreten.

Sprache und Kommunikation

Sprache ist zentrale Hürde. Ich arbeite mit einer mehrsprachigen Kommunikation: einfache Deutschtexte, Übersetzungen in die wichtigsten Sprachen der Teilnehmenden, visuelle Anleitungen und Piktogramme. Praktische Hilfsmittel, die ich oft nutze:

  • Google Translate für schnelle Übersetzungen — kritisch prüfen lassen.
  • Sprach-Acts: kurze Sprachimpulse, Bildkarten, und einfache Leitfragen auf großen Plakaten.
  • Dolmetscher*innen (paid), oder Freiwillige, aber immer fair entlohnen — Sprache ist Care-Arbeit.

Ort, Zeit und Infrastruktur

Der Raum entscheidet oft über das Wohlbefinden: gut belichteter, sauberer Raum, sichere Aufbewahrungsmöglichkeiten für Taschen, separate Bereiche für Kinderbetreuung. Ich bevorzuge Orte mit niedrigschwelliger Erreichbarkeit (Tram-/Busnähe) oder mobile Formate direkt in Unterkünften. Wichtige Punkte:

  • Barrierefreiheit: Rampen, barrierefreie Toiletten, ausreichend Sitzgelegenheiten.
  • Flexible Zeiten: abends oder am Wochenende, kurze Sessions (90–120 Minuten) statt ganzer Tage.
  • Verpflegung: Wasser, Tee, kleine Snacks — gute Geste und praktischer Zugang zu Konzentration.

Programme gestalten: Co-Kreation statt Belehrung

Ein Workshop funktioniert besser, wenn Teilnehmende mitbestimmen können. Ich beginne oft mit offenen Fragen: Was interessiert euch? Welche Techniken kennt ihr? Was möchtet ihr ausprobieren? Daraus entstehen Module wie:

  • Einführung und Warm-up (20 Minuten): Spiel, Vorstellungsrunde mit Objekten aus der Tasche.
  • Hauptteil (60–80 Minuten): praktisch, hands-on, mit mehreren Schwierigkeitsstufen.
  • Abschluss (15–20 Minuten): Austausch, kleine Ausstellung der Arbeiten, Feedbackrunde.

Wichtig ist, Optionen anzubieten: freie Arbeit, geführte Aufgaben, Partner*innenarbeit. Das stärkt Autonomie.

Materialien: robust, günstig, vielfältig

Ich setze auf Materialien, die wenig Vorkenntnisse brauchen und Fehler verzeihen. Beispiele, die sich bewährt haben:

  • Grundmaterialien: Acrylfarben (z. B. günstige Marken oder Nachfüllpacks), Wasserlösliche Stifte, Posca-Marker.
  • Gebrauchtes Material: Karton, Stoffreste, Plastikflaschen — Nachhaltigkeit spricht oft an.
  • Werkzeuge: Scheren, Cutter (mit Sicherheitsregeln), Heißklebepistole, Pinsel in verschiedenen Größen.

IKEA eignet sich gut zur schnellen Möblierung, und lokale Künstlerläden oder Kulturförderungen helfen oft mit Materialspenden. Halte außerdem ein kleines Repertoir an Hygieneartikeln bereit: Handschuhe, Desinfektion, Abdeckmaterial.

Rolle der Leitenden: Moderation als Care

Als Leiterin wechsle ich zwischen Anleiterin, Übersetzerin, Mediatorin und Unterstützerin. Drei Grundprinzipien begleiten mich:

  • Aktives Zuhören: Anliegen ernst nehmen, Fragen stellen, Privatsphäre respektieren.
  • Fehlerfreundlichkeit: Fehler als Lernchance präsentieren, keine Bewertungshaltung.
  • Partizipative Haltung: Entscheidungen gemeinsam treffen — etwa über Ausstellungstermine oder Themen.

Finanzierung und Anerkennung

Niedrigschwellige Formate brauchen Budget: Honorare für Dozent*innen und Dolmetscher*innen, Materialkosten, Raummiete, Verpflegung. Finanzierungsmöglichkeiten:

  • Stiftungen, kommunale Förderprogramme, EU-Kulturfonds (Creative Europe & ähnliche Förderprogramme).
  • Kooperationen mit NGOs und sozialen Trägern.
  • Crowdfunding oder kleine Teilnahmekosten (symbolisch), wenn sinnvoll und solidarisch kommuniziert.

Wichtig: Ehrenamtliche Arbeit darf nicht selbstverständlich sein. Ich besteche nicht, ich evidente Bezahlung für Arbeit ein. Das ist Teil von Respekt und Nachhaltigkeit.

Evaluation und Nachhaltigkeit

Um echte Teilhabe zu messen, frage ich nicht nur nach Zufriedenheit, sondern nach Wirkung:

  • Konkrete Follow-ups: Haben Teilnehmende wieder an Angeboten teilgenommen? Gab es Weitervermittlung?
  • Qualitative Feedback-Methoden: kurze Interviews, Bildfeedback (Teilnehmende markieren auf Bildkarten, wie sie sich fühlen).
  • Daten schützen: Keine personenbezogenen Daten ohne informierte Einwilligung sammeln.

Risiken und ethische Überlegungen

Einige Punkte, die wir immer im Blick behalten müssen:

  • Trauma-Sensibilität: Workshops können Erinnerungen triggern. Ruheinseln, klar kommunizierte Austrittsmöglichkeiten und Zugang zu psychosozialer Beratung sind wichtig.
  • Repräsentation statt Ausbeutung: Fotos und Texte nur mit Einverständnis veröffentlichen, faire Honorare zahlen.
  • Keine Überforderung: Teilnehmende nicht zu öffentlichen Performances drängen, wenn sie das nicht wollen.

Tools und Ressourcen, die ich empfehle

Für Organisation und Kommunikation nutze ich:

  • WhatsApp / Signal für Gruppenkommunikation.
  • Canva für einfache Flyer in mehreren Sprachen.
  • Zoom oder Jitsi für hybride Sessions (immer mit Unterstützung vor Ort).
  • Lokale Kunstvereine, Bibliotheken und Sozialräume als Kooperationspartner.

Was mir am meisten am Herzen liegt: ein Workshop ist mehr als eine Aktivität — er kann ein Ort werden, an dem Menschen sichtbar werden, Stimme finden und Netzwerke knüpfen. Wenn du ein Format entwickeln willst, denk weniger an Perfektion und mehr an Zugänglichkeit, Respekt und Partizipation. Und nimm dir Zeit, zu reflektieren und anzupassen — die besten Formate wachsen aus Erfahrung und echtem Zuhören.