Künstlerresidenzen müssen nicht immer groß, pompös oder institutionell sein, um wirkungsvoll zu sein. Ich habe in den letzten Jahren mehrere kleinformatige Residenzprojekte kuratiert und begleitet — von einer sechswöchigen Gastarbeit in einem leerstehenden Atelier über ein Wochenendprogramm mit lokalen Schulen bis hin zu einer offenen Atelier-Residence in einem kleinen Gemeindehaus. Aus diesen Erfahrungen habe ich praktische Prinzipien und konkrete Schritte entwickelt, die ich hier teilen möchte: wie man ein attraktives Programm gestaltet und zugleich die Finanzierung auf stabile Beine stellt.
Was bedeutet „kleines Format“?
Für mich ist eine Artist Residency im kleinen Format ein zeitlich überschaubares, räumlich begrenztes und finanziell sparsam organisiertes Programm, das dennoch künstlerische Arbeit, Austausch und Sichtbarkeit ermöglicht. Typische Merkmale:
- Aufenthaltsdauer: wenige Tage bis maximal 3 Monate
- Orte: Atelierwohnungen, Gemeindezentren, Ferienwohnungen, leerstehende Ladenräume
- Budget: gering bis moderat — häufig unter 5.000 € pro Residency
- Fokus auf Vernetzung, Produktion kleinerer Arbeiten oder Workshops statt großer Produktionsbudgets
Programmgestaltung: Inhalt vor Größe
Das Wichtigste ist, klare Ziele zu definieren. Frage dich: Was soll die Residency bewirken? Soll sie Arbeitszeit für die Künstlerin bieten, Publikum zugänglich machen, Bildungsformate integrieren oder lokale Netzwerke stärken? Ein klares Ziel erleichtert Programmgestaltung und Bewerbung.
Meine bewährten Bausteine für ein kompaktes Programm:
- Arbeitszeit: Mindestens 20–30% der Zeit frei für eigene Praxis — das ist oft das wertvollste Element.
- Präsentation: Eine kleine Open Studio-Veranstaltung oder eine Pop-up-Ausstellung am Ende.
- Vernetzung: Ein kurzes Künstlergespräch oder ein informelles Treffen mit lokalen Akteurinnen und Akteuren.
- Vermittlung: Workshops mit Schulen oder öffentlichen Workshops für die Nachbarschaft.
- Dokumentation: Foto- oder Videoarchiv, Social-Media-Beiträge, ein kurzes Künstlertext-PDF.
Praktische Tipps zur Auswahl von Künstlerinnen und Künstlern
Im kleinen Format zahlt sich eine gezielte Auswahl aus. Ich lade oft lokale und international vernetzte Künstlerinnen ein, die bereits selbstständig arbeiten können, aber vom Kontext vor Ort profitieren.
- Setze klare Kriterien (Projektidee, Machbarkeit, Relevanz für die Region).
- Arbeite mit kurzen Bewerbungen: ein Projekttext, Arbeitsproben (5–10 Bilder), ein Kurzlebenslauf.
- Nutze persönliche Netzwerke, lokale Akademien und offene Calls — aber halte die Bewerbung schlank.
- Denke an Diversität: unterschiedliche Medien, Hintergründe und Karrierephasen bereichern das Programm.
Budgetplanung: Transparenz schafft Vertrauen
Auch kleine Budgets profitieren von guter Struktur. Hier ein vereinfachtes Musterbudget, das ich oft verwende:
| Kostenpunkt | Betrag (€) |
|---|---|
| Unterkunft (4 Wochen) | 800 |
| Reisekosten | 150 |
| Materialzuschuss | 300 |
| Honorar/Tagessatz | 600 |
| Open Studio / Ausstellung (Material, Flyer) | 200 |
| Dokumentation & Kommunikation | 150 |
| Reserve/Unvorhergesehen | 100 |
| Gesamt | 2.300 |
Diese Zahlen sind nur Beispiele; wichtig ist die Ausweisung jeder Position gegenüber Fördergebern und Kollaboratorinnen. Transparenz erleichtert auch Crowdfunding-Kampagnen oder Sponsorengespräche.
Finanzierungsmöglichkeiten für kleine Residenzen
Für kleinere Projekte mixe ich häufig mehrere Finanzquellen. Das reduziert Abhängigkeiten und erhöht die Nachhaltigkeit.
- Öffentliche Förderungen: Lokale Kulturfonds, Kommunalbudgets, Stipendien von Landesministerien. Viele Kommunen haben kleine Projektförderungen für kulturelle Initiativen.
- Stiftungen: Kleinere Stiftungen unterstützen oft Projekte mit Bildungs- oder Vermittlungscharakter.
- Kooperationen: Partner vor Ort (Kirchengemeinden, Schulen, Kulturvereine) stellen Raum oder Infrastruktur, was Kosten senkt.
- Sponsoring & Sachspenden: Lokale Unternehmen (z. B. Baumärkte, Bäckereien) können Material, Catering oder Gutscheine bereitstellen; Marken wie IKEA oder Stabila liefern manchmal Einrichtungsmöglichkeiten für Pop-up-Ateliers.
- Crowdfunding: Plattformen wie Startnext funktionieren gut für community-basierte Projekte. Belohnungen können kleine Drucke, Workshops oder Einladungen zur Open-Stage sein.
- Teilnehmerbeiträge: Bei Workshops oder Kursen kann ein kleiner Teilnahmebeitrag erhoben werden.
Argumente für Förderer — kurz und überzeugend
Wenn ich Anträge schreibe oder Sponsoren anfrage, setze ich auf drei klare Aussagen:
- Wir schaffen Mehrwert vor Ort: Sichtbare Begegnungen, kulturelle Bildung und lokale Vernetzung.
- Effiziente Mittelverwendung: Niedrige Overheads, klarer Kostenplan, dokumentierte Ergebnisse.
- Nachhaltigkeit: Dokumentation und digitale Sichtbarkeit verlängern den Impact über die Residency hinaus.
Kooperationen und Raumfragen
Räume sind oft die größte Herausforderung — und gleichzeitig die kreativste Chance. Ich habe positive Erfahrungen mit folgenden Modellen gemacht:
- Leerstandsprojekte: Kooperation mit der Stadt oder Eigentümern für temporäre Nutzung.
- Wohnungen von Privatpersonen: AirBnB-Hosts bieten manchmal vergünstigte Preise für Kulturprojekte.
- Kirchliche Räume oder Gemeindezentren: gute Erreichbarkeit und niedrige Kosten.
- Galerien und Ateliers im Verbund: gegenseitige Nutzung von Werkzeugen und Infrastruktur.
Dokumentation und Sichtbarkeit
Dokumentation ist nicht Luxus, sondern Investition. Für kleine Residenzen reichen oft effiziente Mittel:
- Ein Instagram-Account mit täglichem Kurzupdate (Stories + 2–3 Posts/Woche).
- Kurze Video-Clips (30–60 Sekunden) für Reels oder TikTok — häufig mehr Reichweite als lange Videos.
- Ein PDF-Künstlertext und Arbeitsfotos als Download auf der Website.
- Lokale Pressearbeit: kurze Pressemitteilungen an Kulturradios und lokale Zeitungen.
Ich nutze gerne Tools wie Canva für schnelle Grafiken, Lightroom für Bildbearbeitung und Trello für die Projektplanung. Ein schlanker Workflow spart Zeit und Budget.
Bewährte Fehler, die du vermeiden solltest
- Keine klare Zielsetzung: das führt zu enttäuschten Erwartungen bei Künstlerinnen und Publikum.
- Unrealistische Budgetannahmen: plane immer eine Reserve von 5–10% ein.
- Zu viel Programm: lieber wenige qualitativ starke Formate als ein überfrachtetes Programm.
- Keine Dokumentation: ohne Nachweis sind Folgeförderungen schwerer zu gewinnen.
Wenn du magst, kann ich dir bei der Entwicklung eines individuellen Programmentwurfs oder bei der Budgetaufstellung helfen. Gerade kleine Formate bieten große Chancen: sie sind flexibel, schnell umzusetzen und oft sehr resonant in der Nachbarschaft. Für Kunstverein Badvilbel plane ich solche Projekte bewusst als niedrigschwellige, inklusive Formate — Ergebnisse, die sichtbar bleiben und lokale Netzwerke stärken.