Die Arbeit an einer Ausstellung ist für mich immer ein Balanceakt zwischen Vision und Pragmatik. Von der ersten Idee bis zum letzten Nagel im Rahmen – jeder Schritt ist geprägt von Entscheidungen, Gesprächen und häufig kleinen Improvisationen. In diesem Beitrag nehme ich euch mit hinter die Kulissen des Kunstverein Bad Vilbel und erkläre, wie bei uns eine Ausstellung entsteht, welche Fragen wir uns stellen und welche konkreten Abläufe wichtig sind.
Die Idee: Ausgangspunkt und kuratorischer Kern
Oft beginnt alles mit einer Frage oder einem Bild, das nicht mehr loslässt. Manchmal ist es ein Thema, manchmal eine einzelne Arbeit, die im Gedächtnis bleibt. Für mich ist der kuratorische Kern das, was die Besucherinnen und Besucher später im Raum erleben sollen: Welche Geschichten sollen erzählt werden? Welche Perspektiven fehlen in der lokalen Szene?
Bei der Themenfindung arbeite ich gerne interdisziplinär: Gespräche mit Künstlerinnen und Künstlern, Literatur, Feldforschung in der Stadt und das Studium aktueller Debatten – all das fließt ein. Praktisch notiere ich die Idee meist in einem digitalen Moleskine oder direkt in Trello/Notion, um später die Entwicklung nachvollziehen zu können.
Programmplanung und Budget: Realismus schafft Freiraum
Eine starke Idee nützt nichts ohne Finanzierung und Organisation. Budgetplanung ist für mich kein lästiger Pflichtakt, sondern ein kreativer Rahmen: Was können wir wirklich umsetzen? Welche Mittel brauchen wir für Transport, Versicherung, Hängung, Druckmaterialien, Künstlerhonorar und PR?
- Förderanträge: Für viele Projekte stelle ich Förderanträge bei Kulturstiftungen oder habe lokale Partner wie die Stadt Bad Vilbel. Ein klar strukturierter Projektplan und ein realistisches Budget erhöhen die Erfolgschancen erheblich.
- Sponsoring & Kooperationen: Manchmal kooperieren wir mit Einrichtungen, Hochschulen oder lokalen Unternehmen (z. B. für Materialspenden von Bauhaus oder Werkzeugpartnerschaften mit Bosch), was Kosten senkt und Vernetzung stärkt.
- Eigenmittel: Selbst ein kleiner Eigenanteil schafft Flexibilität – etwa für eine feierliche Eröffnung oder spezielle Hängungstechnik.
Artist Relations: Dialog statt Diktat
Der Dialog mit den Künstlerinnen und Künstlern ist zentral. Ich beginne mit einem ausführlichen Briefing: Welche räumlichen Bedingungen haben wir, welche technischen Möglichkeiten (Beleuchtung, Strom, Wandtypen), und welche Vorstellungen bestehen hinsichtlich Präsentation und Vermittlung?
Anschließend folgt oft ein Residency- oder Produktionszeitraum, in dem Arbeiten konkret entwickelt werden. Hier ist Vertrauen wichtig: Künstler*innen brauchen Freiraum, aber auch klare Deadlines und logistische Unterstützung – etwa bei Materialbeschaffung, Bildtransport oder der Versicherung.
Raumplanung und Hängungsentwurf
Die Hängung ist eine Kunst für sich. Ich skizziere zuerst ein paar Varianten auf Papier oder digital (ich nutze manchmal SketchUp für einfache 3D-Modelle), um Proportionen und Sichtachsen zu prüfen. Wichtige Fragen sind:
- Welche Blickachsen sollen die Besucherinnen und Besucher haben?
- Wie viel Abstand brauchen die Arbeiten zueinander?
- Sollen Werke gruppiert oder „alleinstehend“ hängen?
- Welche Wandflächen sind strukturiert oder tragfähig genug?
Bei raumgreifenden Installationen oder Skulpturen ist der Bodenplan entscheidend: Fluchtwege, Barrierefreiheit und die Sicherheit von Objekten dürfen nie vernachlässigt werden. Für Hängungen verwenden wir häufig klassische Werkzeuge wie Wasserwaage, Maßband, Laser (Bosch Kreuzlinienlaser ist bei uns beliebt) und stabile Galerieschienen mit Ketten oder Drahtseilaufhängungen.
Technik, Licht und Klima
Licht verändert Wahrnehmung grundlegend. Ich plane Lichtkonzepte so, dass sie Raum, Materialität und Farbigkeit der Werke unterstützen. Verwendet werden LED-Strahler mit dimmbarer Steuerung, um Hitzeentwicklung zu vermeiden und die Farbwiedergabe (CRI) hoch zu halten. Für Videoinstallationen sind robuste Mediaplayer, HDMI-Verkabelung und sichere Befestigungen unabdingbar.
Ein weiterer oft übersehener Punkt ist das Raumklima: Manche Materialien (Papier, Textil, Holz) reagieren empfindlich auf Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen. Hier arbeite ich eng mit Restaurator*innen oder Technikpartnern zusammen, um optimale Bedingungen zu gewährleisten.
Aufbauwoche: Der intensive Moment
In der Aufbauwoche wird es sichtbar: Der Raum wird grundgereinigt, Wände geweißt oder nachgebessert, und dann beginnt die Installation. Ich koordiniere Handwerkende, Studierende, freiwillige Helfer*innen und natürlich die Künstler*innen selbst. Ein typischer Ablauf:
- Tag 1: Anlieferung, Kontrolle der Objekte, Inventarisierung, erste Positionierung
- Tag 2–3: Hängung und Fixierung, technische Tests (Beleuchtung, Video, Ton)
- Tag 4: Feintuning, Beschriftungen (Labels), Aufbau von Vermittlungsmodulen
- Tag 5: Generalprobe, Sicherheitscheck, Foto-Dokumentation für die Presse
Die Dokumentation ist mir besonders wichtig: Hochauflösende Aufnahmen der Hängung (oft mit einem professionellen Fotografen) sowie ein digitaler Katalog erleichtern spätere Kommunikation und Archivierung.
Vermittlung und Öffentlichkeitsarbeit
Selbst die beste Hängung bleibt unbemerkt ohne gute Vermittlung. Wir stimmen Texte (Ausstellungstext, Künstlervita, Labels) mit den Künstler*innen ab, erstellen Presseinformationen und nutzen unsere Kanäle auf der Webseite (https://www.kunstverein-badvilbel.de), Social Media und lokale Medien. Für die Eröffnung lade ich gezielt Kurator*innen, Sammler*innen, Kulturschaffende und die interessierte Öffentlichkeit ein.
Parallel entwickle ich Vermittlungsformate: Führungen, Workshops, Künstlergespräche oder partizipative Angebote, die das Publikum aktiv einbeziehen. Barrierefreiheit und eine inklusive Ansprache sind dabei feste Bestandteile meiner Planung.
Probleme lösen: Improvisation ist ein Skill
Es läuft selten alles perfekt. Transportverzögerungen, technische Defekte oder Überraschungen bei der Hängung gehören dazu. Wichtig ist, Ruhe zu bewahren und pragmatische Lösungen zu finden: Ersatzrahmen, mobile Lichtlösungen, temporäre Hängungen oder das Verschieben von Vernissagen. Ein gut gepflegtes Netzwerk hilft hier oft weiter – Kolleg*innen leihen Werkzeuge, Studierende packen mit an.
Nach der Eröffnung: Reflexion und Dokumentation
Nach der Eröffnung endet die Arbeit nicht. Ich sammele Feedback, analysiere Besucher*innenzahlen, schreibe Presse-Resonanz zusammen und führe Nachgespräche mit den Künstler*innen. Was hat funktioniert? Was würden wir beim nächsten Mal anders machen? Diese Reflexion fließt direkt in die Planung kommender Projekte ein.
Wenn ihr Fragen zur konkreten Hängung, zu Fördermöglichkeiten oder zur Zusammenarbeit habt, schreibt mir gerne über das Kontaktformular auf unserer Webseite. Ausstellungen leben vom Austausch – sowohl auf der Ebene der Ideen als auch ganz praktisch beim Hämmern von Nägeln.