In meinen Workshops für geflüchtete Menschen und Senior*innen geht es mir immer um mehr als um künstlerische Techniken: Es geht um Begegnung, Teilhabe und die Schaffung sicherer Räume. In diesem Beitrag schildere ich meine praktischen Erfahrungen und gebe konkrete Tipps dazu, wie Inklusion in der Vermittlung funktionieren kann — vom ersten Kontakt bis zur Nachbereitung. Die folgenden Überlegungen beruhen auf meinen Projekten beim Kunstverein Badvilbel (https://www.kunstverein-badvilbel.de) und in Kooperation mit sozialen Einrichtungen vor Ort.
Räume schaffen, die willkommen heißen
Der physische Raum ist oft das erste, was Teilnehmende wahrnehmen. Für viele Geflüchtete und ältere Menschen kann ein Ausstellungsraum oder ein Workshopraum fremd und einschüchternd wirken. Ich achte deshalb bewusst auf folgende Punkte:
Barrierefreiheit: Eingang ohne Stufen, breite Türen, gut erreichbare Tische. Wenn das nicht möglich ist, organisiere ich alternative Räume oder bringe Materialien in niedrigere Ebenen.Orientierung: Klare Wegbeschilderungen, Piktogramme und leicht lesbare Infozettel in mehreren Sprachen (Deutsch, Englisch, Arabisch, Farsi). Ein kleiner Willkommensbereich mit Getränken und einer Person, die empfängt, reduziert Unsicherheit.Atmosphäre: Natürliche Beleuchtung, Teppiche oder Sitzkissen für lockere Formate, dezente Hintergrundmusik — nichts, das Gespräche übertönt.Sprache und Verständlichkeit
Sprache ist der Schlüssel zur Teilhabe. Oft ist es nicht nur die fehlende Kenntnis Deutsch, sondern Fachsprache und Kunstjargon, die ausgrenzt. Ich arbeite mit mehreren Strategien:
Einfache Sprache: Ich formuliere Anleitungen in kurzen Sätzen, vermeide Fachbegriffe oder erkläre sie anschaulich.Mehrsprachigkeit: Bei Bedarf übersetze ich Materialien oder lasse Ehrenamtliche/Co-Moderator*innen dolmetschen. Für Projekte mit Geflüchteten haben sich einfache Glossare in Arabisch und Farsi bewährt.Visuelle Anleitung: Schritt-für-Schritt-Bilder, Piktogramme und Demonstrationen ersetzen oft lange Erklärungen. Ein kurzes Video (ein Smartphone reicht) kann ebenfalls helfen — z. B. mit Untertiteln.Partizipative Methoden statt frontalem Vortrag
Inklusive Vermittlung lebe ich durch Beteiligung. Statt lange Einführungen zu halten, starte ich Workshops mit niedrigschwelligen Einstiegsimpulsen:
Warm-up-Übungen: Kleine Gesten oder Zeichen, die alle mitmachen können (z. B. einfache Zeichen- oder Formübungen), erleichtern den Einstieg.Co-creation: Aufgaben werden so gestellt, dass jede*r einen Beitrag leisten kann, unabhängig von Alter oder sprachlichen Fähigkeiten. Das kann ein Gemeinschafts-Kollagenwerk oder eine partizipative Wandinstallation sein.Peer-Learning: Ich ermutige Teilnehmende, sich gegenseitig zu helfen. Ältere Teilnehmende bringen oft lebenspraktische Erfahrungen mit, Geflüchtete kreative Perspektiven — beides bereichert den Prozess.Materialien und Technik zugänglich machen
Die Auswahl und Anordnung der Materialien beeinflusst die Zugänglichkeit erheblich:
Niedrigschwellige Materialien: Buntstifte, Acrylfarben in Tuben, Collage-Materialien, Stoffreste, einfache Drucktechniken (z. B. Kartoffeldruck) sind leicht zu nutzen und bieten schnelle Erfolgserlebnisse.Adaptives Werkzeug: Ergonomische Pinselgriffe, rutschfeste Unterlagen, Scheren mit Signalgriffen für eingeschränkte Feinmotorik. Hersteller wie Faber-Castell oder Staedtler bieten robustes Material, das sich gut für öffentliche Workshops eignet.Digitale Tools: Tablet-Apps wie Procreate oder einfache Fotobearbeitungs-Apps können digitale Teilhabe ermöglichen. Doch Achtung: Nicht alle Teilnehmenden haben Erfahrung mit Tablets — kurze, geführte Tutorials sind notwendig.Soziale und kulturelle Sensibilität
Jede Gruppe bringt eigene biografische, religiöse und kulturelle Hintergründe mit. Sensibilität bedeutet, Regeln gemeinsam festzulegen und Räume für Austausch zu bieten:
Gemeinsame Regeln: Zu Beginn bespreche ich Respektregeln — z. B. zur Bildnutzung, zum Umgang mit persönlichen Geschichten und zur Einhaltung von Pausenzeiten.Kulturelle Adaptionen: Themen wie Körperdarstellung oder bestimmte Materialien können sensibel sein. Ich frage nach Präferenzen und biete Alternativen an (z. B. private Bereiche für Fotos oder keine Modellarbeit, wenn gewünscht).Traumasensibilität: Manche Geflüchtete tragen traumatische Erfahrungen mit sich. Ich arbeite mit sanften Methoden, vermeide retraumatisierende Aufgaben und stelle Kontakte zu psychosozialen Beratungen bereit, wenn nötig.Partnerships: Netzwerke nutzen
Inklusion gelingt oft durch Kooperation. Bei meinen Projekten arbeite ich regelmäßig mit folgenden Partner*innen zusammen:
Flüchtlingsinitiativen und Integrationszentren: Sie vermitteln Vertrauen und bringen Teilnehmende ein.Seniorenheime und Quartiersbüros: Für Zugangsfragen und gemeinsame Logistik.Sozialarbeiter*innen und Dolmetscher*innen: Sie erleichtern Kommunikation und bieten Unterstützung bei sensiblen Themen.Solche Partnerschaften sorgen auch für nachhaltige Wirkung: Teilnehmende bleiben oft über längere Zeit eingebunden, wenn lokale Strukturen sie weiter begleiten.
Anerkennung schaffen: Ausstellung und Sichtbarkeit
Sichtbarkeit ist ein großer Motivator. Wenn Arbeiten aus Workshops öffentlich gezeigt werden, stärkt das Selbstwertgefühl und signalisiert Wertschätzung:
Präsentationsformate: Kleine Ausstellungen im Vereinsraum, Pop-up-Shows in Bibliotheken oder digitale Galerien auf unserer Website (https://www.kunstverein-badvilbel.de) funktionieren gut.Einverständnis und Urheberrechte: Ich kläre immer vorher, wie Arbeiten verwendet werden dürfen und frage aktiv nach Einverständnis für Fotos und Publikationen.Vernetzungsevents: Eröffnungen mit Kaffee, kurzen Ansprachen und die Einladung von Angehörigen fördern Community-Bildung.Evaluation und Weiterentwicklung
Inklusive Vermittlung ist ein fortwährender Lernprozess. Ich nutze einfache Evaluationsmethoden, um zu reflektieren und Angebote zu verbessern:
Feedbackrunden: Kurze, mündliche Feedbackschleifen am Ende jeder Session sind oft ergiebiger als lange Fragebögen.Dokumentation: Fotos, kurze Interviews und Arbeitsproben helfen, Erfolge sichtbar zu machen und Förderanträge zu begründen.Fortbildung: Ich investiere in Workshops zu Themen wie Traumasensibilität, Mehrsprachigkeit und barrierefreie Didaktik, um mein Repertoire zu erweitern.Praktische Beispiele aus meiner Arbeit
Ein Projekt, das mir besonders im Gedächtnis geblieben ist, war eine gemeinsame Collage-Reihe mit Senior*innen aus dem Seniorenheim "Haus am Park" und Geflüchteten aus einer Willkommensgruppe. Ziel war nicht nur ein gemeinsames Kunstwerk, sondern der Austausch von Lebensgeschichten. Wir arbeiteten mit einfachen Fotografien, alten Zeitschriften und Stoffresten. Das Ergebnis wurde in einer kleinen Ausstellung im Gemeindezentrum gezeigt. Die Resonanz war so positiv, dass einige Teilnehmer*innen sich regelmäßig zu anschließenden offenen Atelierzeiten trafen.
Ein anderes Beispiel: Ein wöchentlicher Kurs "Digitale Geschichten", in dem Geflüchtete kurze Video-Porträts erstellten. Wir nutzten einfache Smartphones, die von Ehrenamtlichen zur Verfügung gestellt wurden, und kostenlose Apps. Die Videos wurden auf einem privaten YouTube-Kanal gezeigt (mit Zustimmung der Teilnehmenden) und dienten als Gesprächsanlass in einer Mischung aus öffentlichen Screening-Abenden und internen Reflektionen.
Diese Beispiele zeigen: Inklusion entsteht durch kleine, konsequente Entscheidungen — bei der Raumgestaltung, Sprache, Methodik und in der Bereitschaft, sich auf heterogene Gruppen einzulassen. Ich lade Kolleg*innen und Initiativen ein, diese Erfahrungen zu teilen und gemeinsam weiterzudenken.