Als Kuratorin und Redakteurin schreibe ich seit Jahren Ausstellungs- und Begleittexte — manchmal für große Institutionen, oft für lokale Projekte. Dabei habe ich gelernt, dass ein guter Ausstellungstext weder ein schweres Kunstgeschichtswerk noch eine marketinghafte Verkaufsbroschüre sein muss. Er sollte vor allem eines: das Publikum wirklich ansprechen. In diesem Beitrag teile ich meine Methoden, Fehler, die ich selbst gemacht habe, und konkrete Formulierungen, die funktionieren.

Wen will ich eigentlich erreichen?

Die erste Frage, die ich mir stelle, bevor ich einen Text anfange, ist: Für wen schreibe ich? Das ist nicht bloß eine rhetorische Übung. Ein Text für ein Fachpublikum in einer Akademie hat eine andere Tonalität und Informationsdichte als ein Text, der Besucher:innen in einer kleinen Gemeinde neugierig machen soll. Ich unterteile meist in drei Zielgruppen und passe Ton und Inhalt entsprechend an:

  • Interessierte Laien: klare Sprache, Vermeidung von Fachjargon, kurze Erläuterungen von Konzepten.
  • Kunstinteressierte mit Vorwissen: tiefergehende Kontextualisierung, Verweise auf Theorien oder andere Künstler:innen.
  • Fachpublikum (Kurator:innen, Kritiker:innen): präzisere Terminologie, bibliographische Hinweise, methodische Hinweise.
  • Oft schreibe ich zwei Versionen eines Textes: eine Hauptversion für die Ausstellungstafel und einen längeren Text für den Katalog oder die Webseite. Die kurze Version muss funktionieren, wenn Besucher:innen nur wenige Sekunden Zeit haben.

    Die erste Zeile entscheidet

    Die Eröffnungssatz ist entscheidend. In Ausstellungsräumen sind Besucher:innen oft unterwegs, lesen flüchtig — du hast also nur wenige Augenblicke, um Interesse zu wecken. Ich vermeide lange, abstrakte Sätze am Anfang. Stattdessen beginne ich mit einer konkreten Beobachtung, einer provokativen Frage oder einem Bild, das neugierig macht.

    Beispiele:

  • „Was passiert, wenn ein Stuhl seine Funktion verliert?“
  • „Diese Arbeit beginnt in einer Küche und endet in einem Archiv.“
  • „Hier werden Dinge sichtbar, die wir normalerweise übersehen.“
  • Vermeide Fachjargon ohne Kontext

    Als jemand mit kunsthistorischem Hintergrund habe ich dem Jargon lange vertraut — und realisiert, wie oft er Besucher:innen ausschließt. Wenn Fachbegriffe nötig sind, erkläre ich sie in einem Satz oder biete eine kurze Umschreibung. Ein gutes Mittel ist die Metapher: Sie schafft Zugänge ohne Simplifizierung.

    Statt: „Die Arbeit operiert im Spannungsfeld zwischen Objektästhetik und performativer Praxis.“
    Schreibe ich lieber: „Die Arbeit bewegt sich zwischen dem Ausstellen eines Gegenstands und seinem Gebrauch — sie ist sowohl Objekt als auch Aktion.“

    Erzähle eine minimale Geschichte

    Menschen verstehen durch Geschichten. Ein Ausstellungstext kann eine sehr kurze Narration enthalten: die Entstehung der Arbeit, ein Moment aus der Recherche, ein Konflikt, der ausgestellt wird. Diese narrative Spur verbindet die Zuschauer:innen emotional mit dem Werk.

    Beispiel: „Während einer Recherche in einem ehemaligen Textilbetrieb entdeckte die Künstlerin K. alte Schnittmuster. Aus diesen Fragmenten entwickelte sie ein Archiv der verlorenen Arbeit — ein Porträt von Fabrikalltag und persönlichen Geschichten.“

    Konkrete, sinnliche Sprache

    Ich bemühe mich, sinnliche Details zu verwenden: Texturen, Klänge, Gerüche, Bewegungen. Diese Details helfen, eine räumliche Vorstellung zu erzeugen. Worte wie rau, leuchtend oder zart sind kleine Brücken zum Sensorischen.

    Praktische Struktur, die Besucher:innen lieben

    Ein Text, der strukturiert ist, liest sich leichter. Ich arbeite oft mit dieser einfachen Struktur für die Tafeltexte:

  • Ein Aufhänger (1–2 Sätze): Spannung erzeugen.
  • Kontext (1–3 Sätze): Was ist das Thema? Woher kommt die Arbeit?
  • Beschreibung (2–4 Sätze): Was sehen wir? Wie wird es gemacht?
  • Perspektive (1–2 Sätze): Warum ist das wichtig? Welche Fragen werden aufgeworfen?
  • Für längere Texte auf Katalogseiten ergänzt ich bibliographische Hinweise, Zitate und weiterführende Links. Auf der Webseite nutze ich oft interne Verlinkungen zu Künstlerprofilen oder früheren Ausstellungen — das erhöht die Verweildauer und Vernetzung.

    Sprache der Inklusion

    Mir ist wichtig, inklusiv zu schreiben. Das bedeutet konkret:

  • Geschlechtergerechte Formulierungen (ich variiere zwischen Gendersternchen, Binnen-I oder neutralen Umschreibungen je nach Kontext).
  • Vermeidung von unnötigen Fremdworten oder komplizierten Satzkonstruktionen.
  • Barrierearme Sprache für die Online-Version: kurze Absätze, klare Überschriften, Alt-Texte zu Bildern.
  • Beispiele, die ich in Ausstellungen verwende

    Praxisbeispiele sind oft hilfreicher als allgemeine Ratschläge. Drei Textauszüge, die ich kürzlich geschrieben habe:

  • „Die Installation besteht aus mehreren Tapisserien, die Tagesabläufe abbilden. Die Künstlerin ordnet alltägliche Handlungen wie ‚Zähneputzen‘ oder ‚Teekochen‘ in serielle Sequenzen — eine feine Untersuchung von Ritualen.“
  • „In ihren Fotografien sucht der Künstler nach den Spuren des modernen Städtebaus: Fassaden, die Geschichten vergangener Bewohner verbergen. Die Bilder sind still, aber sie halten Zeit fest.“
  • „Dieses Projekt begann mit dem Fund alter Buttons aus den 70er-Jahren. Die Künstlerin hat sie als Ausgangspunkt für eine Erforschung politischer Symbole genommen.“
  • Interaktion ermöglichen

    Texte sollten kein Monolog bleiben. Ich streue Fragen ein, die Besucher:innen anregen, die Werke aktiv zu betrachten: „Welche Erinnerungen weckt dieses Material bei Ihnen?“ oder „Wie würde dieses Objekt in Ihrem Alltag wirken?“ Auf der Webseite lade ich außerdem zur Diskussion ein: Kommentarfunktion, Social-Media-Share-Buttons oder ein Call-to-Action wie „Möchten Sie mehr Hintergrundmaterial? Schreiben Sie uns.“

    Fotografie, Typografie, Layout: die unsichtbaren Partner

    Guter Text alleine reicht nicht. Die Lesbarkeit hängt stark von Typografie (Schriftgröße, Zeilenabstand), Farbkontrasten und Raumaufteilung ab. Für Drucke und Tafeln arbeite ich eng mit Grafikdesigner:innen zusammen und empfehle Standards wie mindestens 16px für Webtexte und klare Sans-Serif-Schriften für Wände. Bei digitalen Begleittexten achte ich auf responsive Gestaltung und genügend Absätze.

    Fehler, die du vermeiden solltest

  • Zu lange Absätze auf Ausstellungstafeln — Besucher:innen lesen selten mehr als 80–120 Wörter.
  • Überladene Fachsprache ohne Erklärung.
  • Zu viele Superlative und Marketing-Sprache — „bahnbrechend“, „revolutionär“ ermüden schnell.
  • Keine Verknüpfung zwischen Text und Werk: Der Text sollte immer das Werk im Raum stützen, nicht ersetzen.
  • Tools und Ressourcen

    Ich nutze verschiedene Tools, um Texte zu prüfen: Hemingway Editor für Klarheit, Grammarly (auch in der deutschen Version) für Feinheiten, und Readable.com für Lesbarkeitswerte. Für Barrierefreiheit checke ich Kontraste mit dem WebAIM Contrast Checker. Solche Tools sind Hilfsmittel — die letzte Entscheidung trifft aber immer das menschliche Lektorat.

    Wenn du möchtest, kann ich für eure nächste Ausstellung einen kurzen Leitfaden erstellen oder Beispieltexte verfassen, die genau auf eure Zielgruppe und den Raum zugeschnitten sind. Auf http://www.kunstverein-badvilbel.de findest du außerdem einige Texte als Referenz, die unterschiedliche Ansätze zeigen — von sehr prägnant bis ausführlicher Kontextualisierung.