Beim Schreiben von Kunstkritik ohne Fachjargon geht es nicht darum, Komplexität zu glätten, sondern Klarheit zu schaffen. Ich möchte, dass meine Texte für Studierende, Sammlerinnen, Nachbar*innen und Studierende gleichermaßen zugänglich sind — ohne die intellektuelle Tiefe zu opfern. Im Folgenden teile ich Techniken, die mir in der Praxis helfen, verständliche und zugleich anspruchsvolle Rezensionen zu verfassen.

Warum weniger Jargon mehr Publikum bedeutet

Kunst ist ein gesellschaftliches Phänomen: Sie spricht Gefühle an, stellt Fragen und verhandelt Werte. Wenn wir in einer Sprache schreiben, die nur Eingeweihte verstehen, schließen wir viele Menschen aus. Ich beobachte immer wieder, dass Leser*innen, die einen klaren, konkreten Einstieg finden, eher weiterlesen, sich eine Ausstellung ansehen oder eine Diskussion beginnen. Verständlichkeit ist kein Opfer an die Qualität — sie ist eine Voraussetzung für Wirkung.

Vor dem Schreiben: Beobachten und Notieren

Bevor ich überhaupt anfange, Sätze zu formulieren, verbringe ich Zeit im Raum: Ich gehe herum, bleibe stehen, höre zu. Ich notiere Eindrücke in Stichworten — manchmal in Worten, manchmal in kurzen Bildern:

  • Wie verändert sich das Licht im Raum?
  • Welche Materialien erzeugen welche Geräusche oder Gerüche?
  • Wie reagieren Besucher*innen? Lachen sie, bleiben sie schweigend?
  • Welcher erste Eindruck bleibt nach dem Verlassen der Ausstellung?

Diese sinnlichen Details sind Gold, weil sie konkrete Beschreibungen liefern, die Leser*innen emotional ansprechen — weit wirkungsvoller als abstrakte Begriffe.

Struktur: Ein klares Gerüst, das Orientierung gibt

Ich arbeite mit einem einfachen, wiederkehrenden Aufbau, der Lesenden Orientierung gibt:

  • Einstieg: Eine prägnante Szene oder ein auffälliges Werk, das den Ton setzt.
  • Beschreibung: Konkrete Beobachtungen zu Form, Material, Farbe, Raum.
  • Interpretation: Hypothesen und Kontext, verbunden mit konkreten Belegen.
  • Wertung: Was funktioniert, was nicht — begründet und nachvollziehbar.

Dieses Gerüst hilft, die Balance zwischen Beobachtung und Deutung zu halten. Es verhindert, dass man sich in theoretischem Ballast verliert.

Sprache: Konkrete Wörter statt abstrakter Worthülsen

Ein häufiger Fehler ist der Gebrauch von schwammigen Begriffen wie „Manifestation“, „Performativität“ oder „relational“. Diese Wörter sind in bestimmten Kontexten sinnvoll, doch oft lassen sie wichtige Schritte ausfallen: Wie genau fühlt sich etwas an? Was passiert im Raum?

Ich ersetze solche Begriffe durch beschreibende Formulierungen. Statt „performativ“ schreibe ich zum Beispiel: „Die Künstlerin wiederholt eine Handlung in Dauerschleife, sodass die Routine selbst zum Thema wird“. Oder statt „relational“: „Die Arbeiten sind so angeordnet, dass sie Veränderungen im Blick der Besucher*innen provozieren“.

Formulierungswerkzeuge: Beispiele für einfache, präzise Sätze

  • Statt „die Ausstellung problematisiert Identität“ → „Die Ausstellung stellt Fragen danach, wie Identität sichtbar gemacht und verhandelt wird“.
  • Statt „monumental“ → „Die Skulptur ist zwei Meter hoch und überragt die Besucher*innen; sie wirkt dadurch eindringlich“.
  • Statt „ästhetische Strategie“ → „Die Künstlerin nutzt wiederholte Farbschichten, um eine Oberfläche zu schaffen, die beim Näherkommen brüchig erscheint“.

Solche kleinen Anpassungen erhöhen die Verständlichkeit erheblich, ohne die Analyse zu verwässern.

Kontext anbieten, aber sparsam

Kontext ist wichtig — historische Bezüge, Biografie, Theorien können eine Arbeit beleuchten. Ich wähle Kontext gezielt und knapp aus: nur das, was wirklich hilft, das Gesehene zu verstehen. Zu viele Referenzen verwischen den Fokus und laden zur Abschweifung ein.

Wenn ein Werk stark auf eine historische Referenz angewiesen ist (z. B. eine Kolonialgeschichte), nenne ich diese kurz und verweise ggf. auf weiterführende Texte oder Kataloge für Leser*innen, die tiefer einsteigen wollen.

Visuelle Sprache: Metaphern mit Vorsicht

Metaphern sind ein zweischneidiges Schwert: Sie können Bilder im Kopf erzeugen, aber auch verschleiern, wenn sie zu abstrakt sind. Ich nutze Metaphern lieber, um ein sinnliches Erlebnis zu beschreiben: „Die Leinwand zieht den Blick wie ein Magnet“ ist hilfreicher als eine theoretische Allegorie.

Leser*innen einbeziehen: Fragen statt Belehren

Ein hilfreiches Stilmittel ist, nicht nur zu behaupten, sondern Leser*innen einzuladen, selbst zu schauen. Formulierungen wie „Man könnte fragen…“ oder „Werden Sie beim Betreten des Raums…?“ öffnen einen Dialog. Das macht Texte lebendiger und respektvoll gegenüber verschiedenen Lesarten.

Beispiele aus der Praxis: Ein mini-Fallbeispiel

Vor kurzem sah ich eine Einzelausstellung, in der die Künstlerin Pappmaché-Figuren zeigte. Statt mit Theorie zu beginnen, startete ich mit einer Szene: Wie die Figuren im Halbdunkel standen, die Oberflächen rissig, die Haltung leicht gebückt. Dann beschrieb ich Material, Größe und Anordnung. Erst danach kam die Frage: Was bedeutet es, menschliche Formen aus fragilen Materialien zu formen? Diese Reihenfolge sorgte dafür, dass die Interpretation aus konkreter Beobachtung erwuchs — und für Leser*innen nachvollziehbar blieb.

Praktische Regeln für den Schreibtisch

Beim Überarbeiten nutze ich eine kurze Checkliste:

  • Habe ich jeden Fachbegriff erklärt oder durch eine Beschreibung ersetzt?
  • Gibt es konkrete Beispiele, die meine These stützen?
  • Ist der erste Absatz einladend und bildhaft?
  • Wird die Bewertung durch Beobachtung und Argumente gestützt?
  • Würde eine nichtwissenschaftliche Person den Text verstehen?

Kurzer Vergleich: Jargon vs. klare Sprache

Jargon Klare Alternative
„Die Arbeit operiert im diskursiven Feld von…“ „Die Arbeit bezieht sich auf Gespräche über…“
„Performativität“ „wiederholte Handlung, die Bedeutung erzeugt“
„Intervention im Raum“ „Platzierung, die die Bewegung der Besucher*innen verändert“

Tools und Hilfsmittel

Ich nutze gelegentlich Hilfsmittel wie das Lesbarkeits-Tool in Microsoft Word oder das Online-Tool Hemingway Editor, um übermäßig verschachtelte Sätze zu erkennen. Wichtig ist für mich nicht, dass der Text eine bestimmte Punktzahl erreicht, sondern dass Sätze klar, aktiv und direkt sind.

Zum Schluss (ohne Schlusswort)

Gute Kritik ist ein Angebot — an Künstler*innen, Publikum und die Institutionen, die Ausstellungen möglich machen. Wenn ich meine Leserschaft ernst nehme, schreibe ich so, dass sie eingeladen wird, selbst hinzusehen, nachzufragen und teilzunehmen. Verständlichkeit heißt nicht Vereinfachung; sie heißt Verantwortung gegenüber dem Publikum.