Ein gut moderiertes Künstlergespräch kann den Raum einer Ausstellung verwandeln: aus statischer Rezeption wird lebendiger Dialog, aus einzelnen Stimmen wird gemeinsames Nachdenken. Ich moderiere seit Jahren Künstlergespräche im Rahmen von Ausstellungen, Workshops und Panel-Diskussionen für den Kunstverein Badvilbel und anderen Institutionen. Dabei habe ich immer wieder festgestellt: Die Qualität eines Gesprächs hängt nicht nur von den „richtigen“ Fragen ab, sondern von Vorbereitung, Haltung und dem Mut, in die Tiefe zu gehen.
Vorbereitung: mehr als nur Fragen sammeln
Vor jedem Gespräch recherchiere ich sorgfältig. Das bedeutet:
- Die künstlerische Praxis und die Biographie der Gesprächspartner*innen lesen — Ausstellungstexte, Kataloge, frühere Interviews.
- Wer das Publikum ist, berücksichtigen: Studierende, Sammler*innen, Nachbar*innen, Kolleg*innen — jede Gruppe bringt eigene Erwartungen mit.
- Technische Details klären: Mikrofon, Sitzordnung, Zeitrahmen, Übersetzung (bei internationalen Gästen). Hier haben sich für uns zuverlässige Lösungen wie Sennheiser-Funkmikrofone und Zoom-Aufnahmetechnik bewährt.
- Ein kurzes Vorgespräch mit die Künstler*innen führen — nicht um ein Skript zu erstellen, sondern um mögliche Schwerpunkte, Tabus oder sensible Themen zu identifizieren.
Dieses Vorgespräch ist oft entscheidend: Ich frage nach Projekten, die den Künstler*innen aktuell besonders am Herzen liegen, nach Arbeitsbedingungen und nach dem, was sie im Publikum unbedingt thematisiert sehen möchten. So entstehen Fragen, die wirklich anschlussfähig sind.
Fragen, die wirklich in die Tiefe gehen
Oberflächliche Fragen erzeugen oberflächliche Antworten. Ich bevorzuge offene, mehrdimensionale Fragen, die zum Erzählen, Reflektieren und manchmal auch Widerspruch einladen. Beispiele für solche Fragen:
- Wie hat sich Ihre Arbeit verändert, seit Sie mit diesem Medium/Material arbeiten? – Zielt auf Prozesse und Entwicklung ab.
- Welche Unsicherheit begleitet Sie beim Entstehungsprozess, und wie gehen Sie damit um? – Macht persönliche Strategien sichtbar.
- Welche Konstellationen von Macht und Ökonomie beeinflussen diese Arbeit? – Verortet Kunst in größere gesellschaftliche Zusammenhänge.
- Gibt es eine Idee oder ein Missverständnis, das die Rezeption Ihrer Arbeit häufig prägt? – Ermöglicht Korrektur und Reflexion.
- Welche Rolle spielt der Ort (Galerie, öffentlicher Raum, Online) für die Bedeutung Ihres Werks? – Führt zu Diskussionen über Kontextualisierung.
- Welche Arbeiten waren für Sie persönlich Wendepunkte, und warum? – Erzählen von Narrativen hinter der Praxis.
- Was möchten Sie mit dieser Arbeit bei einer/m Betrachter*in anstoßen? – Verbindet Intention und Wirkung.
Ich versuche, Fragen so zu formulieren, dass sie nicht suggerierend sind und genug Raum lassen. Statt "War das Werk politisch gemeint?" frage ich lieber: "Welche politischen Konnotationen nehmen Sie in Ihrem Werk selbst wahr, und wie möchten Sie, dass das Publikum damit umgeht?"
Die Kunst des Zuhörens und Nachfragens
Moderation ist zu 70 % Zuhören. Wenn ein*e Künstler*in eine Bemerkung macht, die interessant klingt, aber nicht ausgeschöpft wird, ist Nachfragen verpflichtend. Beispiele für effektive Nachfragen:
- "Könnten Sie das an einem konkreten Beispiel aus Ihrer Arbeit erläutern?"
- "Wie hat diese Erkenntnis Ihren Arbeitsalltag verändert?"
- "Gibt es einen Moment, in dem Sie überrascht wurden — von Material, Publikum oder dem eigenen Ergebnis?"
Wichtig ist, Nachfragen nicht als Kontrolle, sondern als Angebot zum Vertiefen zu verstehen. Eine gute Nachfrage kann das Gespräch auf unerwartete Ebenen führen.
Spannung halten: Struktur ohne Strangulation
Ein Gespräch braucht Klarheit in der Struktur, aber keine starre Abfolge. Ich arbeite meist mit drei bis vier thematischen Blöcken, die ich flexibel miteinander verknüpfe. Eine mögliche Struktur:
- Einführender persönlicher Zugang (Werdegang, Werkverständnis)
- Materialität und Arbeitsprozess
- Kontextuelle Verortung (Gesellschaft, Institutionen, Publikum)
- Ausblick und Praxisempfehlungen
Zeitmanagement ist entscheidend: Ich kündige die Zeitblöcke an und signalisiere Übergänge. Gleichzeitig achte ich darauf, längere, spannende Ausführungen nicht zu unterbrechen — manchmal entstehen die besten Einsichten in Monologen.
Publikum einbinden — wann und wie
Publikumsfragen können ein Gespräch beflügeln oder entgleisen lassen. Ich handle nach dem Prinzip: Qualität vor Quantität. Praktische Tipps:
- Fragenkarte-System: Besucher*innen schreiben Fragen auf Karten, die ich sortiere. So filtere ich Wiederholungen und unspezifische Fragen heraus.
- Moderierte Fragerunde: Erst sammle ich Fragen, dann formuliere ich drei bis fünf thematisch passende Fragen, die ich dem Publikum stelle.
- Direkte Live-Fragen bei kleineren Runden: Ich ermutige präzise Formulierungen ("eine Frage, 30 Sekunden") und greife notfalls moderierend ein.
Bei internationalen Gästen organisiere ich häufig eine Simultanübersetzung oder zumindest eine kurze Zusammenfassung auf Deutsch/Englisch, damit die Fragen möglichst inklusiv bleiben.
Sensible Themen ansprechen
Manche Gespräche berühren Themen wie Trauma, Politik oder prekäres Arbeiten. Hier ist Empathie und Transparenz gefragt. Ich kündige solche Themen an ("Wir wollen kurz auf die Arbeitsbedingungen eingehen") und biete Rückzugsmöglichkeiten an (z. B. keine öffentliche Auseinandersetzung, aber ein kurzes Gespräch im Anschluss).
Wenn Künstler*innen zögern, gerade über Privates zu sprechen, respektiere ich das und formuliere die Frage allgemein um: Statt "Wie hat die Trennung X beeinflusst?" frage ich "Wie beeinflussen persönliche Krisen Ihre Werkpraxis?"
Praktische Tools und Kleinigkeiten
Ein paar Ausstattungstipps, die sich bewährt haben:
- Zeituhr sichtbar für Moderator*in (Smartwatch oder Stoppuhr-App)
- Backup-Mikrofone und Batterien
- Notfallfragen parat (Kurzbiographie, aktuelles Projekt, Inspirationsquellen)
- Audioaufnahme (z. B. Zoom H6) für Dokumentation und spätere Transkription
Nach dem Gespräch: Dokumentation und Nachbereitung
Ein Gespräch endet nicht mit dem Applaus. Ich sorge für:
- Transkription oder redaktionelle Zusammenfassung für den Blog (Kurzfassung plus Audio-Link)
- Follow-up mit den Künstler*innen: Danke, Feedback, Hinweis auf eventuelle Berichterstattung
- Evaluation: Kurzes Formular für das Publikum (digital oder analog) mit zwei bis drei Fragen zur Qualität des Gesprächs
Diese Schritte helfen, die Veranstaltung inhaltlich zu verankern und die Community weiter zu vernetzen — genau das, was ich mit dem Kunstverein Badvilbel erreichen möchte.
Wenn Sie möchten, teile ich gern Vorlagen für Fragekarten, ein Beispiel-Ablaufprotokoll oder eine Liste mit weiterführender Literatur und Podcasts, die mir bei der Vorbereitung von Gesprächen helfen (z. B. "The Artist's Institute" Talks, Interviews in frieze oder Podcasts wie "Bad at Sports").