In meinem Materiallabor experimentiere ich derzeit intensiv mit Recyclingkunststoffen — nicht als Dogma, sondern als spannender Rohstoff mit vielen Überraschungen für Bildhauer*innen und Designer*innen. Die Arbeit mit recycelten Kunststoffen verbindet ökologische Verantwortung mit einem eigenständigen ästhetischen Potenzial: Textur, Farbigkeit, Geruch, Verarbeitungseigenschaften — all das verändert sich je nach Herkunft des Materials. In diesem Beitrag möchte ich meine praktischen Erfahrungen, nützliche Tipps und Antworten auf häufige Fragen teilen, damit ihr selbst mutig ins Materiallabor starten könnt.
Warum Recyclingkunststoffe? Was macht sie interessant für die Praxis?
Viele fragen mich: „Warum soll ich statt klassischer Materialien wie Holz, Stein oder Neusilber auf recycelte Kunststoffe setzen?“ Meine kurze Antwort: Weil sie neue Formsprachen erlauben und gesellschaftlich relevant sind. Recyclingkunststoffe bieten:
- Vielfalt: Von PE-HD (Hartpolyethylen) über PET bis zu Mischkunststoffen — jede Sorte hat andere Eigenschaften.
- Leichtigkeit: Plastiken lassen sich oft in leichtgewichtige, aber stabile Formen bringen.
- Ökologische Aussage: Die Verwendung gebrauchter Materialien kann Teil der inhaltlichen Konzeptualisierung einer Arbeit sein.
- Textur und Farbe: Gesammelte Plastikteile bringen Patina, Farbnuancen und Oberflächenstruktur mit, die schwer zu reproduzieren sind.
Welche Recyclingkunststoffe eignen sich wofür?
In meinem Studio arbeite ich am häufigsten mit PET, PE und PP. Hier ein kurzer Überblick, der sich in der Praxis bewährt hat:
| Material | Eigenschaften | Geeignete Techniken |
|---|---|---|
| PET (Flaschen) | klar bis farbig, fest, gut schweißbar, transparent möglich | Heißpressen, Lasergravur, Heißbiegen |
| PE (Tüten, Kanister) | flexibel bis zäh, chemikalienbeständig, matt | Schweißen, Schneiden, Kleben mit speziellen Klebern |
| PP (Behälter, Verpackungen) | steif bis flexibel, gute Ermüdungsfestigkeit | Thermoformen, Nähen/Verbund mit Textilien |
| Mischkunststoffe | variabel, oft schwieriger zu verarbeiten | Mechanische Verbindung, Beschichten, Einbetten |
Wie bereite ich Material vor? Tipps zum Sortieren und Reinigen
Die Vorbereitung ist für mich der Schlüssel. Rohes Sammelmaterial ist oft verschmutzt, klebend oder feucht. Meine Routine:
- Grobreinigung: Entfernen von Etiketten, Kleinteilen und Rückständen. Warmes Seifenwasser reicht oft.
- Trocknen: An der Luft oder im Ofen bei sehr niedriger Temperatur (je nach Kunststofftyp).
- Sortieren: Nach Polymerart, Farbe und Dicke. Etikettensymbolik (♳ PET, ♴ PE, ♵ PP) hilft.
- Teststück anlegen: Vor jedem größeren Projekt stelle ich kleine Musterzuschnitte her, um Schmelz- oder Klebeeigenschaften zu prüfen.
Welche Werkzeuge und Techniken verwende ich?
Je nach Konzept variiere ich zwischen low-tech und industriellen Verfahren. Hier sind meine Favoriten für Atelieranwendungen:
- Heißluftpistole: Für Biegen und Formen dünner PET- oder PP-Platten.
- Heißluftschweißgerät: Unentbehrlich zum Verschweißen von PE und PVC-Teilen.
- Ofen oder Schrank (vorsichtig!): Zum Erwärmen und Formpressen von flachen Teilen.
- Laser Cutter: Für präzise Schnitte in PET-Flachplatten (Achtung: gesundheitsschädliche Dämpfe bei manchen Kunststoffen — immer Absaugung nutzen).
- Epoxidharze und Bioharze: Zum Verkleben oder Einbinden fragiler Teile; ich wähle möglichst schadstoffarme Varianten.
- Mechanische Verbindungen: Nieten, Schrauben, Textilnaht — sehr hilfreich bei Mischmaterialien.
Welche gesundheitlichen und sicherheitstechnischen Aspekte muss ich beachten?
Das ist eine der häufigsten Fragen: „Ist das Arbeiten mit Recyclingkunststoffen sicher?“ Ja — wenn man ein paar Regeln befolgt. Ich achte strikt auf:
- Belüftung: Immer Absaugung oder gute Lüftung bei Erhitzung/Schneiden, denn Dämpfe können toxisch sein.
- Schutzkleidung: Handschuhe, Schutzbrille und gegebenenfalls Atemschutz (FFP2/3) bei Staub oder Dämpfen.
- Temperaturkontrolle: Überhitzung vermeiden — Verbrennungen und Zersetzung sind gesundheitlich bedenklich.
- Materialwissen: Keine unbekannten Mischkunststoffe ohne Test verbrennen oder lasern.
Wie löse ich Gestaltungsprobleme? Kleben, Schweißen, Farbgebung
Eine weitere praktische Frage lautet: „Wie verbinde ich verschiedene Kunststoffteile dauerhaft?“ Meine Herangehensweise:
- Plastikschweißen: Für gleiche Polymerarten die stabilste Verbindung. Geeignet für PE, PP mit entsprechendem Schweißdraht.
- Kleben: Spezielle Kunststoffkleber wie Loctite Plastics oder 2K-Epoxidkleber funktionieren oft; vorher mit Isopropanol entfetten.
- Mechanische Befestigung: Schrauben, Nieten, Textilstiche — besonders nützlich bei Recyclingmixen.
- Farbgebung: Industrielle Sprühlacke auf Kunstharzbasis oder Acrylfarben auf Grundierung. Für Outdoor-Arbeiten achte ich auf UV-beständige Lacke (z. B. von Rust-Oleum).
Woher bekomme ich Material? Lokale Quellen und Kooperationen
Viele meiner Projekte entstehen aus Netzwerken: Kooperationen mit lokalen Sammelstellen, Upcycling-Initiativen oder Herstellern. Praktische Bezugsquellen:
- Wertstoffhöfe: Große Mengen sortierter Kunststoffe.
- Unternehmen/Industriebetriebe: Produktionsreste, Zuschnitte — oft kostenlos oder günstig.
- Online-Marktplätze: Gebrauchte Platten (PET-G, Acryl) oder Industrieabfälle.
- Community-Sammelaktionen: Workshops, in denen Material gemeinsam gesammelt und geteilt wird.
Welche ästhetischen Strategien haben sich bewährt?
Recyclingkunststoffe tragen Geschichten in sich. Ich empfehle drei Ansätze:
- Materialehrlichkeit: Verzicht auf Übermalen; die vorhandene Patina als narrativen Träger nutzen.
- Hybridästhetik: Kombination mit Metall, Holz oder Textil — die Kontraste verstärken die Wahrnehmung des Plastischen.
- Serialität und Modulation: Wiederholung und kleine Variation verwandeln Alltagsabfall in rhythmische Skulpturen.
Praktische Übungsaufgaben für den Einstieg
Wenn ihr direkt loslegen wollt, habe ich drei einfache Übungen, die euch ein Gefühl für Verhalten und Möglichkeiten geben:
- Collage-Test: Sammelt fünf Plastikobjekte, reinigt sie, schneidet sie zurecht und verbindet sie mechanisch (Nieten/Schrauben). Beobachtet Stabilität und Ästhetik.
- Formpressen: Schafft mit einem alten Ofen und einer Holzform (Unterstützung durch Wärmeschutz) eine gebogene Platte aus PET-Flachmaterial.
- Farbexperiment: Grundiert kleine PET- oder PP-Stücke und lackiert sie mit zwei verschiedenen Lacktypen (Acryl vs. Industrie). Dokumentiert Haftung und Alterungsverhalten.
Wenn ihr möchtet, teile ich gerne Materiallisten, Bezugsquellen in der Region oder organisiere ein kleines Labor-Event bei Kunstverein Badvilbel, um gemeinsam zu experimentieren. Für technische Fragen könnt ihr mir spezifische Materialangaben schicken (Polymerkürzel, Herkunft), dann berate ich gezielt zu Temperatur, Kleber und Sicherheit.
Ich freue mich darauf, eure Materialversuche zu sehen und bin neugierig auf die Formen, Geschichten und Strategien, die ihr mit recycelten Kunststoffen entwickeln werdet.