Als jemand, die regelmäßig mit Künstlerinnen, Nachbarinitiativen und Verwaltungen zusammenarbeitet, beobachte ich immer wieder: gemeinschaftliche Kunstprojekte können Nachbarschaften nicht nur verschönern, sondern nachhaltig stärken – sozial, kulturell und ökologisch. In diesem Beitrag möchte ich praktische Einsichten, Beispiele und umsetzbare Schritte teilen, damit Sie selbst in Bad Vilbel oder anderswo Initiativen starten oder unterstützen können. Dieser Text erscheint im Rahmen von Kunstverein Badvilbel (https://www.kunstverein-badvilbel.de) und richtet sich an Anwohnerinnen, Künstler, Initiativen und Entscheidungsträger.

Warum gemeinschaftliche Kunstprojekte wirken

Gemeinschaftliche Kunstprojekte schaffen Räume für Begegnung. Sie senken die Hemmschwelle für Austausch, fördern gemeinsame Verantwortung und machen sichtbar, was Menschen verbindet. Anders als reine Kulturangebote, die oft passiv konsumiert werden, aktivieren partizipative Formate – vom Wandbild über Gemeinschaftsgärten bis zu klangbasierten Interventionen.

Aus meiner Erfahrung wirken solche Projekte vor allem dann nachhaltig, wenn sie:

  • lokal verankert sind und die Anliegen der Bewohnerinnen ernst nehmen,
  • langfristig gedacht werden – also nicht nur als einmaliges Event,
  • ökologisch verantwortungsbewusst umgesetzt werden (Materialauswahl, Entsorgung, Energie),
  • inklusive gestaltet sind und unterschiedliche Gruppen ansprechen.
  • Konkrete Formate, die in Bad Vilbel funktionieren

    Je nach Kontext eignen sich unterschiedliche Formate. Hier ein Repertoire, das sich in meiner kuratorischen Praxis bewährt hat:

  • Partizipative Wandmalereien (Murals) – mit Workshops für Kinder, Seniorinnen und lokale Vereine. Murals schaffen Orientierungspunkte und erzählen Nachbarschaftsgeschichten.
  • Mobiler Kunstladen / Pop-up-Galerie – Räume in leerstehenden Geschäften vorübergehend aktivieren, lokale Künstlerinnen präsentieren und Vernetzungsabende organisieren.
  • Kunst im öffentlichen Raum als Stadtmobiliar – gestaltete Bänke, Fahrradständer, Pflanzkübel, gefertigt in Kooperation mit Designern und lokalen Handwerksbetrieben.
  • Klingende Stadt – Klanginstallationen – partizipative Soundwalks oder kleine Klangstationen, die Orte auditiv aufwerten und Zugänge für Menschen mit Sehbehinderung schaffen.
  • Community Gardens mit künstlerischer Begleitung – Kunst im Garten: Skulpturprojekte aus Upcycling-Materialien, Workshops zu Permakultur und Pflanzenfärberei.
  • Wie ein Projekt konkret starten kann

    Ein Projekt braucht keine großen finanziellen Mittel, wohl aber klare Schritte. Aus meiner Praxis empfehle ich folgende Abfolge:

  • Bedarfsanalyse: Gespräche mit Nachbarn, lokalen Vereinen, Schulen. Wo drückt der Schuh? Welche Orte sind ungenutzt?
  • Ideenworkshop: Niedrigschwellige Treffen, idealerweise mit Verpflegung – das fördert Beteiligung. Methoden: World Café, Kartenabfrage, gemeinsame Collagen.
  • Kooperationen aufbauen: Kontakt zu Schulen, Seniorenheimen, dem örtlichen Bauhof, lokalen Unternehmen (z. B. Malerbetrieben) und Förderinstitutionen aufnehmen.
  • Fördermittel prüfen: Neben kommunalen Förderungen bieten Programme wie "Kultur macht stark", Bürgerhaushalte oder regionale Stiftungen häufig Unterstützung. Ich biete im Kunstverein Badvilbel Hilfestellung bei der Projektantragsstellung.
  • Pilotphase planen: Ein kleines, sichtbares Ergebnis schafft Momentum – ein Mural-Tag, ein einmaliger Workshop mit Ausstellung.
  • Evaluation und Verstetigung: Befragungen, Fotodokumentation, Follow-up-Termine. Gute Dokumentation erhöht die Chancen auf Folgefinanzierung.
  • Materialien, Nachhaltigkeit und Partner

    Nachhaltigkeit beginnt bei der Materialwahl. Ich empfehle umweltverträgliche Produkte und lokale Partner:

  • Für Malerei: lösemittelfreie Farben (z. B. Marken wie Keim oder geprüfte akrylatbasierte Farben mit geringem VOC-Anteil).
  • Für größere Konstruktionen: wiederverwendetes Holz, upgecycelte Metallteile, Pfand- oder Tauschbörsen für Materialien.
  • Technische Unterstützung: lokale Tischler, Metallbauer und Gärtnereien einbinden – das stärkt die lokale Wirtschaft.
  • Ein Beispiel: In einem meiner Projekte arbeiteten wir mit einer lokalen Schreinerei zusammen, die Restholz abgab. Eine Schülerin gestaltete im Workshop Sitzmöbel, die jetzt in einem Quartiersgarten stehen. Die Herstellungskosten blieben gering, die Akzeptanz in der Nachbarschaft hoch.

    Inklusion und Barrierefreiheit – von Anfang an denken

    Inklusion ist kein Add-on, sondern zentral. Fragen, die ich immer stelle:

  • Erreichen wir alle Altersgruppen und sozialen Milieus?
  • Sind Informationen in einfacher Sprache und in mehreren Sprachen verfügbar (z. B. Deutsch, Englisch, Französisch)?
  • Gibt es mobile, barrierefreie Angebote? Können Menschen mit Kinderwagen oder Rollstuhl teilnehmen?
  • Eine einfache Praxis: Anmeldung für Workshops telefonisch und online ermöglichen, Sitzplätze reservieren und Rücksicht auf sensorische Bedürfnisse (ruhige Zonen, kurze Arbeitsphasen) nehmen.

    Finanzierung: pragmatische Wege

    Finanzierung bedeutet oft Mischfinanzierung:

  • öffentliche Förderungen (Kommunal-, Landesmittel, Kulturfonds),
  • Kosponsoring durch lokale Unternehmen (Materialspenden, Catering durch Cafés),
  • Crowdfunding (Plattformen wie Startnext funktionieren gut für kulturelle Projekte),
  • Eigenleistungen (Ehrenamtliche Stunden, Tausch von Dienstleistungen).
  • Transparenz schafft Vertrauen: Ich empfehle eine einfache Budgettabelle, die für alle Beteiligten einsehbar ist. Unten ein Beispiel für eine einfache Kostenaufstellung:

    PostenKosten (EUR)
    Materialien (Farben, Holz)700
    Werkzeuge / Leihgeräte200
    Honorare (Künstler*innen, Moderation)1.200
    Veranstaltungskosten (Catering, Druck)300
    Unvorhergesehenes200
    Gesamt2.600

    Häufige Fragen von Nachbarinnen und Nachbarn

    Ich beantworte einige Fragen, die mir oft gestellt werden:

  • Wie lange dauert so ein Projekt? Kleine Interventionen können in Wochen realisiert werden; größere Prozesse (Verstetigung, Pflege, Governance) brauchen Monate bis Jahre.
  • Wer trägt die Verantwortung für die Pflege? Idealerweise entsteht ein Pflegeplan mit klaren Zuständigkeiten – Nachbarschaftsgruppen, Paten aus Vereinen oder kommunale Stellen.
  • Was, wenn es Kritik gibt? Kritik ist Teil des Prozesses. Offene Foren, Korrekturmechanismen (z. B. Überarbeitungsworkshops) und ein transparenter Moderationsprozess helfen, Konflikte konstruktiv zu bearbeiten.
  • Wenn Sie ein konkretes Vorhaben in Bad Vilbel planen oder Feedback zu diesem Beitrag haben, freue ich mich über Ihre Nachricht über das Kontaktformular auf https://www.kunstverein-badvilbel.de. Gerne unterstütze ich bei der Projektplanung, Vernetzung mit lokalen Partnern oder bei Förderanträgen.